Windig, mit Gefahr von Unwettern

Die Presse - Private Banking Beilage - 16. November 2018

Steigende Zinsen und geopolitische Spannungen verunsichern Anleger zunehmend. Grund zur Panik sehen Privatbanker deshalb noch nicht, sehr wohl aber zu mehr Vorsicht in den Portfolios.
Es sollte wohl ein deutlicher Weckruf sein, als der Internationale Währungsfonds (IWF) Anfang Oktober bei seiner Jahrestagung vor möglichen Turbulenzen auf den Finanzmärkten mahnte. Eine Eskalation der Handelskonflikte und wachsende geopolitische Risken könnten zu abrupten Einbrüchen führen, hieß es. Und das könne Finanzierungsbedingungen für Unternehmen sowie für Verbraucher rasch verschlechtern, warnten die IWF-Experten vor den Folgen einer neuen Krise. Die letzte große Finanzkrise liegt nun schon zehn Jahre zurück, ein Halten hat es für die Bullen seither kaum gegeben. Doch das scheint sich zu ändern, allmählich zeigen die Paarhufer erste Ermüdungserscheinungen. Allein im Oktober mussten Anleger Kursverluste sowohl auf den Aktien als auch auf den Rentenmärkten verkraften, was Experten auf zwei Gründe zurückführen. Bernhard Ramsauer, Vorstandsvorsitzender der Liechtensteinischen Landesbank Österreich (LLB Österreich) verweist etwa auf den eskalierenden Handelskonflikt zwischen den USA und China. Doch auch die Budgetdiskussionen zwischen Italien und dem restlichen Europa verunsicherten Anleger zunehmend. Freilich, die steigenden Schwankungen, die auf den Finanzmärkten damit einhergehen, beobachten die Privatbanker sehr genau. Geht es teils doch um millionenschwere Portfolios des gehobenen Geldadels. Dennoch, Panik sei trotz der steigenden Turbulenzen nicht angebracht, beruhigen die Geldprofis. Vielmehr sollte man sich auf zunehmende Schwankungen einstellen, und sich von Übertreibungen nach unten nicht abschrecken lassen. Dazu zählt jüngst etwa die Marktreaktion auf die italienische Schuldendiskussion. Sie ist für Experten in dem Ausmaß nicht nachvollziehbar. Nach der jahrelangen Spar- und Reformpolitik sei das Land immerhin aus dem Gröbsten heraus, ist Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank überzeugt: ,,Italien wird jedenfalls nicht die nächste globale Finanzkrise auslösen."

Zu früh für generelle Trendwende

Auch in anderen Häusern rechnen die Privatbanker nicht mit dramatischen Rücksetzern. Für eine generelle Trendwende sei es zu früh, meint etwa Waltraud Perndorfer, Leiterin der Privat Bank der Raiffeisen Landesbank Oberösterreich, was die langjährige Marktexpertin auch begründet: ,,Die Unternehmensgewinne steigen weiter, die Aktienbewertungen sind attraktiv." Das bedeutet aber nicht, dass man die aktuellen Entwicklungen auf die leichte Schulter nehmen sollte, mahnen die Privatbanker. Denn auch in diesem Umfeld sind größere Verluste möglich, weshalb man sein Portfolio allmählich auf die zunehmend schwankungsfreudigen Märkte vorbereiten sollte. Dabei verweist etwa Wolfgang Eisl, Niederlassungsleiter der UBS Österreich, auf die Notwendigkeit einer Risikostreuung. Wie das am besten geht? ,,Anleger sollten ihre Portfolios über Regionen, Anlageklassen und Sektoren breit diversifizieren", rät Eisl zu einer durchaus nachvollziehbaren Strategie. Doch auch in anderen Häusern macht man sich Gedanken zur aktuellen Entwicklung: Bei der Aktienwahl empfiehlt etwa Johannes Hefel, Vorstandsmitglied bei der Hypo Vorarlberg, die Substanz eines Unternehmens sorgfältig zu bewerten und diese auf die Zukunft zu projizieren. Dabei könnten in der aktuellen Marktphase zum Beispiel Value- Titel oder Dividendenaktien attraktiv werden ,,und Potenzial gegenüber schwankungsintensiven Aktienmärkten bieten." Bei der Privat Bank ist man ebenfalls vorsichtiger geworden, Aktien werden derzeit neutral gewichtet. Mehr sei im aktuellen Umfeld schließlich nicht gerechtfertigt, meint Perndorfer. Obendrein behalte man die defensive Positionierung mit den sogenannten Minimum-Varianz-Strategien bei. Gemeint sind damit Strategien, bei denen nur schwankungsarme Aktien ausgewählt werden.

Anleihen bleiben weiterhin unattraktiv

Die gleiche Gewichtung erhalten Aktien auch bei der LLB Österreich. Dennoch meint auch Ramsauer, dass die Aktienbewertung aufgrund der positiven wirtschaftlichen Fundamentaldaten, und das Gewinnwachstum der Unternehmen intakt sei. Deshalb sehe man die kurz- bis mittelfristige Entwicklung der Aktienmärkte noch recht positiv. Zudem seien Anleihen als Alternative weiterhin unattraktiv. ,,Die Tatsache, dass wir die Aktienquote neutral positionieren, ist in erster Linie damit zu begründen, dass wir uns langsam aber sicher dem Ende des positiven Konjunkturzyklus nähern", bleibt Ramsauer dennoch auf der Hut. Allein bei den Total-Return-Mandaten, bei denen der absolute Ertrag und Kapitalerhalt im Vordergrund stünden, setze man auf dynamische und kostengünstige Absicherungen: ,,Zudem halten wir nach Anzeichen eines bevorstehenden Endes des Bullenmarktes aufmerksam Ausschau", lautet die klare Aussage des Chefs der LLB Österreich. Bei der Zürcher Kantonalbank Österreich (ZKB Österreich) bleibt man hingegen noch ein wenig offensiver. Auch wenn die gefühlte Unsicherheit derzeit groß sei, meint Vorstandsmitglied Hermann Wonnebauer, reagierten klassische Krisenindikatoren, etwa Gold, derzeit kaum. Auch ein Blick auf diverse Volatilitätsindizes zeige, dass keine allzu große Unsicherheit am Markt herrsche. ,,In unseren Musterportfolios behalten wir deshalb eine leichte Übergewichtung auf der Aktienseite bei", so Wonnebauer. Ein Blick auf die globalen Rentenmärkte zeichnet indes ein anderes Bild: Dort dürfte bereits das Ende des Bullenmarktes nahen, allen voran in den USA. Der Grund liegt freilich in der Zinswende. Sie hat in Amerika bereits eingesetzt. In Europa läuten die Währungshüter die Wende erst behutsam ein. Allein das großzügige Anleihekaufprogramm soll bereits heuer beendet werden. Dazu ergänzt Kathrein-Boss Höllinger: ,,Ab ???? wird die EZB die Zinsen aller Voraussicht nach anheben." Einzig, angebracht wäre schon jetzt ein Zinsniveau von rund drei Prozent: ,,Dieses Niveau wäre mit dem Vorkrisenniveau stimmig." Doch weshalb ist die Zinswende eine schlechte Nachricht für Anleihen? Bestehende Papiere sind dann geringer verzinst als jene Anleihen, die erst nach der Anhebung begeben werden. Und deshalb verlieren bestehende Papiere in einem derartigen Umfeld an Wert. Das gilt umso mehr für jene Anleihen mit einer langen Laufzeit. Hier müssen Anleger nämlich länger warten, bis sie ihr Kapital zurückbekommen, um es in neue Anleihen investieren zu können. Und das ist auch der Grund, weshalb man bei der Kathrein Privatbank Anleihen mit kürzerer Laufzeit bevorzugt, genauso wie etwa bei ZKB Österreich. Dort hat man zudem eine kleine Position an Dollar-Anleihen beigemischt, um von höheren Zinsen jenseits des Atlantiks zu profitieren. Auch die Inflationskomponente sollte man bei einem Bondinvestment nicht übersehen. Schließlich werden die Zinsen ja aufgrund der anziehenden Konjunktur und der steigenden Teuerungsrate angehoben. Allein in der Eurozone erreichte sie im September, Prozent. In den USA lag sie zuletzt bei,? Prozent. Und das nagt freilich an den Erträgen aus einem Anleiheinvestment. Allerdings gibt es eine spezielle Kategorie, die genau von einer steigenden Teuerungsrate profitiert, sogenannte inflationsindexierte Anleihen. Hier wird in der Regel der Coupon - oder auch das Nominale - an die Inflationsrate angepasst. Obendrein beeinflussen die Erwartungen zur künftigen Inflationsentwicklung die Kurse dieser Anleihen. Bei der Privat Bank wird dieses Bondsegment derzeit jedenfalls übergewichtet: ,,Wir erwarten mittelfristig zwar keine deutlichen Preissteigerungen. Aufgrund der sehr günstigen Absicherungsmöglichkeiten, und für den Fall einer Inflationsüberraschung, bleiben wir darin positioniert", erklärt Perndorfer. Interessante Chancen findet die Privatbankerin unter anderem aber auch bei Unternehmensanleihen, sowohl mit einer guten, als auch mit einer schwächeren Bonität (sogenannte Hochzinsanleihen). Grund dafür seien die unverändert niedrigen Ausfallsraten. Zudem lukrieren Anleger damit freilich eine höhere Verzinsung als mit Staatsanleihen.
Dennoch mahnt Ramsauer von der LLB Österreich, den Blick auf die Schuldnerqualität auch künftig nicht außer Acht zu lassen: ,,Die Kreditrisikoprämien von Unternehmensanleihen sämtlicher Bonitäten beginnen üblicherweise schon deutlich vor einer Rezession zu steigen. Grund sind die höheren Verschuldungsquoten." Der langjährige Marktprofi empfiehlt deshalb im Anleihesegment die Qualität schrittweise zu verbessern. Als sichere Investments für Krisen betrachtet die LLB Österreich zudem schweizerische und deutsche Staatsanleihen, aber auch - trotz der unkonventionellen Politik des US-Präsidenten Donald Trumps - US-Treasuries. Die Rendite liegt aktuell bei mehr als drei Prozent. In einer Wirtschaftskrise stünden merkliche Kursanstiege in Aussicht, fügt Ramsauer hinzu. Weitaus kniffliger wird es allerdings für jene Anleger, die derzeit lieber eine Auszeit von der Börse nehmen wollen. Denn ein vernünftiger Cashpolster lässt sich im aktuellen Umfeld praktisch nicht aufbauen. In der Vergangenheit bedeutete ein Cashpolster Tages- oder auch Monatsgelder zu einem risikolosen Zins, etwa für ungeplante Ausgaben anzulegen, zeigt Eisl von der UBS auf. Inzwischen müssen in Europa die Kreditinstitute aber für das Parken von Kundengeldern bei der EZB der Zentralbank derzeit, Prozent bezahlen, da der Einlagensatz negativ ist. ,,Die Weitergabe dieser Kosten selbst an Privatkunden in Form von Guthabengebühren ist inzwischen nichts Ungewöhnliches, was Kassenpositionen äußerst unattraktiv macht, meint Eisl. Selbst wenn Anleger in kurzlaufende festverzinsliche Wertpapiere - sogenannte Geldmarktpapiere - mit hoher Bonität investieren, sind die Renditen im Euroraum leicht negativ. Sollten hingegen die Zinsanhebungen auch in der Eurozone endlich starten, könnten variabel verzinste Anleihen eine durchaus interessante Chance zum Parken von Cash bieten. Darauf verweist Hefel von der Hypo Vorarlberg. Diese Anleihen passen ihre Couponzahlungen nämlich regelmäßig an Zinsänderungen an. Im Fall steigender Zinsen würde man davon profitieren. Freilich, noch müssen sich Anleger gedulden: ,,Das aktuelle Zinsniveau im Euro führt zu einer Verzinsung von rund null Prozent", verweist ergänzt Höllinger von der Kathrein Privatbank auf das aktuell maue Umfeld. Denkbar sind etwa für Eisl hingegen dezidierte Absicherungsstrategien, etwa Put-Optionen. Mit diesen Derivaten kann man von sinkenden Wertpapierkursen profitieren. Allerdings haben diese Derivate auch ein Verfallsdatum. Sollte die Strategie während der Laufzeit nicht aufgehen, weil die Kurse etwa steigen, droht ein Totalverlust. ,,Die hohen Kosten sprechen jedenfalls gegen eine ständige Absicherung mit Optionen", mahnt Ramsauer.

Private Equity als interessante Alternative

Auch abseits klassischer Börseninvestments gibt es interessante Möglichkeiten. Gemeint sind alternative Investments, zu denen etwa Private Equity zählt. Dabei handelt es sich um direkte Beteiligungen an kleineren und mittleren Unternehmen mit hohem Wachstums- und Wertsteigerungspotential, die oftmals nicht an der Börse notiert sind. Die Anleger selbst investieren ihr Geld aber nicht direkt in diese Firmen, sondern legen es in sogenannte Private-Equity-Fonds an, die wiederum in ausgewählte Unternehmen investieren. Allerdings sind die gesetzlichen Hürden für Privatanleger für entsprechende Investments sehr hoch, sie müssen als qualifizierter Privatanleger eingestuft werden. Dazu muss man über unbelastete Bankguthaben und Finanzinstrumente im Wert von mehr als. Euro verfügen, und mindestens. Euro investieren. Zudem darf nicht mehr als Prozent des Vermögens darin investiert werden. Allerdings könnte die hohe Einstiegsschwelle vom Gesetzgeber wieder gesenkt werden. Wann genau, ist aber noch offen. Eine weitere Möglichkeit bieten Hedgefonds. ,,Auch hier geht es darum, börsenunabhängige Erträge zu generieren. Je weiter die Aktienmärkte steigen, desto mehr sind derartige Alternativen gefragt", betont Hermann Pöltl, Leiter Family Office im Wealth Management der Capital Bank. Dabei bieten die Privatbanken grundsätzlich Hedgefonds an, die täglich an der Börse gehandelt werden, obendrein transparent sind (siehe Kasten ,,Alternative Investments im Aufwind"). Und für Anleger leicht nachvollziehbar sind, ein nicht unwesentlicher Faktor in Zeiten steigender Unsicherheiten.