Wenn neue Konzepte im Rentenmanagement gefragt sind

FONDS exklusiv - Das Magazin für die Kapitalanlage
Ausgabe 02/2017 - Juli/ September

Eine Vielzahl an Vermögenden legt in Österreich ihr Geld besonders vorsichtig an. Tiefe Zinsen und drohende Kursverluste bei den Anleihen stellen konservative Portfolios allerdings auf eine harte Probe. Interessante Lösungsansätze liefern dazu die heimischen Privatbanken.
Überraschend war das obligatorische Statement des obersten Währungshüters Mario Draghi nach der jüngsten EZB-Sitzung im Juni wohl kaum. Der Leitzinssatz wurde wie erwartet bei null Prozent belassen, während das Anleihekaufprogramm munter weiter läuft. Bis zu 60 Milliarden Euro umfasst das monatliche Hamsterprojekt, dessen Ausgang für viele Ökonomen ungewiss ist. Sicher ist hingegen schon jetzt, dass eine konservative Veranlagung zunehmend knifflig wird. Dabei veranlagt ausgerechnet ein Großteil der Vermögenden in Österreich ihr Geld äußerst vorsichtig. Umso mehr sind neue Konzepte im Rentenmanagement gefragt. Denn wer jetzt bei Anleihen zukauft, muss sich mit mickrigen Zinsen, teils sogar mit negativen Renditen abfinden. Steigen dann zu allem Überfluss die Zinsen an, drohen bei bestehenden Bonds Kursverluste. Sie sind dann weniger wert als neue Anleihen, die nach der Anhebung mit höheren Zinsen begeben werden. Wann der Moment der Wende in Europa kommen wird, dazu gibt es derzeit unterschiedliche Meinungen. Bernhard Ramsauer, Vorstandsvorsitzender der Semper Constantia Privatbank, meint jedenfalls: ,,Die kurzfristigen Zinsen bleiben in der Eurozone auf ihren historisch tiefen Niveaus zumindest in den kommenden eineinhalb Jahren fest verankert. Denn die EZB dürfte den Hauptrefinanzierungssatz von derzeit null Prozent vor Ende 2018 nicht anheben."

EZB stutzt bald ihre Käufe

Zumindest beim Anleihekaufprogramm könnte es eine Änderung geben. Ramsauer: ,,Bei den europäischen Staatsanleiherenditen sollte es in der zweiten Jahreshälfte 2017 zu einigen Bewegungen kommen. Ab dann dürfte die EZB vorsichtig beginnen, die Marktteilnehmer auf eine weitere Reduktion des Anleihekaufprogramms vorzubereiten." Sobald es dann auch tatsächlich umgesetzt wird, fällt damit freilich ein großer Anleihekäufer allmählich weg. Die sinkenden Kurse würden zu höheren Renditen führen.
Angesichts der anspringenden Konjunktur und einer anziehenden Inflation in der Eurozone wären höhere Anleiherenditen ohnedies willkommen. Immerhin, bei der Capital Bank rechnet man in gut einem Jahr bei zehnjährigen deutschen Staatsanleihen mit einem Renditeanstieg auf bis zu 0,70 Prozent. Bei der Erste Bank rechnet man bis dahin sogar mit ein Prozent. Aber auch für die USA liefert Vorstandsmitglied Constantin Veyder-Malberg von der Capital Bank eine klare Einschätzung. Dort sieht man die zehnjährigen US-Zinsen in gut einem Jahr bei rund 2,5 Prozent, ,,also etwas höher als heute. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung und der Politik der US-Notenbank wäre das aus heutiger Sicht ein ausgeglichenes Zinsniveau", betont Veyder-Malberg.

Crashszenario bleibt aber aus

Trotz erwarteter Kursrückgänge vor allem bei sicheren Staatsanleihen erwarten die Experten aber keinen Crash. So ist etwa Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank, überzeugt: ,,Die Notenbanken werden alles unternehmen, um das zu verhindern." Realistischer sei Höllinger zufolge eine längere Periode sehr schwacher bis leicht negativer Erträge bei Anleihen.
Ähnlich die Einschätzung von Waltraud Perndorfer, Leiterin Privat Bank der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Schwankungen an den Kapitalmärkten habe es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, meint Perndorfer und betont deshalb: ,,Diese werden uns auch zukünftig begleiten. Einen starken Zinsanstieg - der zu deutlich fallenden Anleihekursen führen würde - sehen wir aktuell in der Eurozone nicht." Eine Entwicklung, die man dennoch nicht unterschätzen sollte, wie Wolfgang Traindl, Leiter Private Banking der Erste Bank, mahnt: ,,Bei langlaufenden Anleihen, bei denen die Restlaufzeit größer als fünf Jahre ist, wird man voraussichtlich mehr am Kurs verlieren, als am Kupon gewinnen."

Umso wichtiger wird es für die Vermögensprofis, vor allem bei konservativ veranlagten Portfolios auf durchdachte Strategien zuzugreifen, um den hohen Rentenanteil geschickt durch die zunehmend stürmischen Gewässer zu navigieren.

Breite Diversifizierung

Verständlich, dass die Experten auf ein breit diversifiziertes Portfolio zugreifen, ,,wenn es um den Vermögensschutz geht", sagt Kathrein-Chefin Höllinger. Im Bondbereich empfehle man nicht nur Euro-Staatsanleihen. ,,Aufgrund des aktuellen Tiefzinsniveaus, bedingt durch eine einmalige Notenbankpolitik rund um den Globus, bieten klassische Staatsanleihen sowie Geldmarktveranlagungen oder das Sparbuch nämlich keinen realen Werterhalt mehr."
Auch Erich Stadlberger, Leiter Private Banking & Asset Management bei der Oberbank, mahnt vor möglichen Kursverlusten. Denn auch er rechnet zwangsläufig mit höheren Renditen, ,,zu denen langlaufende Staatsanleihen aus dem Euroraum aufgrund der merklichen Wirtschaftserholung tendieren werden". Einen Lösungsansatz sieht man deshalb bei der richtigen Laufzeitenwahl. Stadlberger rät dazu, eher im kurzen und mittleren Laufzeitenbereich zu investieren. Der Grund liegt auf der Hand: Je kürzer die Laufzeit einer Anleihe ist, desto eher bekommen Anleger ihr Geld zurück, das sie dann umso rascher in höher verzinste Renten veranlagen können. Doch Vorsicht: Wird wiederum eine sehr kurze Laufzeit gewählt, muss man sich zumindest derzeit mit Minuszinsen abfinden.
Vor allem sicherheitsorientierten Anlegern werde letztendlich wohl nichts anderes übrig bleiben als einfach auch ein wenig mehr Risiko zu tolerieren, ,,um einen positiven Ertrag erzielen zu können", resümiert Ramsauer von der Semper Constantia. Die teils aber schon recht teuren Bewertungen bei risikobehafteten Anleihen erfordern laut Ramsauer ein gezieltes Eingehen von Risiken. Und das lässt sich etwa mit einer Diversifizierung auf mehrere Emittenten erzielen.

Anhaltend niedrige Ausfallsraten

Laut Oberbank sei beispielsweise eine Beimischung von Hochzinsanleihen europäischer Emittenten interessant, diese Anleihen könnten von der anziehenden Konjunktur profitieren. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass es hier bereits eine sehr gute Wertentwicklung gegeben habe, fügt Ramsauer noch hinzu. Was Anleger aber nicht von dem Segment verschrecken sollte. Ramsauer zufolge sollte das gute Konjunkturumfeld auch dazu beitragen, dass die Ausfallsraten bei den Anleihen in den kommenden Monaten weiter nahe den historischen Tiefständen verweilen.

Doch auch in der Ferne gibt es interessante Chancen. ,,Schließlich haben Emerging Markets-Anleihen ebenfalls ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis, die Renditen bieten im Vergleich zu den entwickelten Regionen einen deutlichen Aufschlag", erklärt Stadlberger. Eine Meinung, die zahlreiche andere Privatbanker ebenfalls teilen. Wobei Höllinger von der Kathrein Privatbank ein wenig präzisiert: ,,Staatsanleihen aus den Schwellenländern in lokaler Währung bieten derzeit sehr attraktive Renditen und gleichzeitig eine Perspektive bei der Währungsentwicklung. Denn viele dieser Währungen sind nach Kaufkraftparität unterbewertet."
Allerdings haben jüngste Ereignisse wieder einmal verdeutlicht, wie wichtig eine breite Streuung auch in diesem Segment ist, mahnt Veyder- Malberg und verweist auf den heftigen Kursrückgang bei türkischen Staatsanleihen in lokaler Währung. Grund waren freilich die politischen Turbulenzen. Was hingegen noch für ein Investment in die Schwellenländer spricht: Diese Märkte sind deutlich weniger durch Stützungsmaßnahmen der Zentralbanken geprägt, wie es etwa in der Eurozone derzeit der Fall ist. Und damit fallen auch Verzerrungen bei den Anleihekursen weg, die durch die Stützungsmaßnahmen ausgelöst werden.

Fremdwährungsanleihen locken ebenfalls

Wobei, nicht alle Privatbanken wenden diese Strategie an. Bei der Schoellerbank achte man bei den Rentenveranlagungen auf hervorragende Schuldner mit Bonitäten von ,,Single-A" oder besser. ,,Hinzu nehmen wir eine interne Bonitätsbeurteilung vor und prüfen auch andere Kriterien wie zum Beispiel den Rang und die Ausstattung jeder Anleihe sowie die Währung", erklärt Vorstandsvorsitzender Franz Witt-Dörring. Deshalb habe die Schoellerbank zu keinem Zeitpunkt in Hochzinsanleihen oder in Anleihen aus den Emerging Markets veranlagt.
Doch worauf setzt man dann bei der Schoellerbank? Laut Witt-Dörring mische man stattdessen etwa inflationsgeschützte Anleihen bei. Und das lässt sich durchaus begründen. Schließlich seien diese Wertpapiere sehr günstig. ,,Im Falle steigender Zinsen bieten sie aufgrund der Inflationsabgeltung außerdem einen zusätzlichen Schutz." Auch Fremdwährungsanleihen sehe man als geeignete Beimischung. Derzeit würden der US-Dollar und Hartwährungen wie der Schweizer Franken, aber auch Rohstoffwährungen hervorstechen.
Einzig: Während andere Währungsräume mit unterschiedlichen Zinssätzen und die Chance auf Währungsgewinne locken, kann es bei Devisen aber auch empfindliche Verluste geben. Das schaltet man zumindest bei einem kleinen Land im Norden Europas aus. Denn, wie Veyder-Malberg von der Capital Bank meint: ,,Auch der kleine dänische Zinsmarkt ist aufgrund der Währungsbindung zum Euro interessant."
Doch das ist noch nicht alles. Perndorfer von der Privat Bank verweist auf eine weitere Möglichkeit im Rentensegment, nämlich auf sogenannte Laufzeitenfonds, und erklärt das Prinzip: ,,Diese Anleihefonds haben eine fixe Laufzeit und reduzieren die Zinsrisiken Schritt für Schritt im Zeitablauf." Je weiter also das Laufzeitende des Fonds naht, desto kürzer sind auch die Laufzeiten der einzelnen Renten, die im Fonds enthalten sind. Bei Fälligkeit haben Anleger fast kein Kursrisiko, da die Fälligkeit der einzelnen Renten möglichst zeitgleich vom Fondsmanagement gewählt wird. ,,Gleichzeitig profitiert man von einer breit diversifizierten Anleihenveranlagung", verweist Perndorfer auf einen weiteren Vorteil.

Erwartungen müssen sich ändern

Es bleibt also knifflig, wenngleich nicht aussichtslos auf den weltweiten Rentenmärkten. Vergangene Ertragschancen werden diese Märkte aber vermutlich nicht mehr so rasch bieten können. Umso wichtiger ist es, im aktuellen Umfeld Fehltritte möglichst zu vermeiden, um die Ertragschancen dadurch nicht noch weiter zu schmälern. So meint etwa Traindl von der Erste Bank: ,,Zu hoffen, dass man mit Staatsanleihen so wie in den vergangenen Jahren weiter Geld verdienen wird, könnte sich als Irrglaube erweisen. Das geht bestenfalls mit kurzlaufenden Unternehmensanleihen, die noch eine positive Rendite aufweisen und eine relativ kurze Restlaufzeit haben."
Vieles hängt dabei freilich auch von den weiteren Schritten der Notenbanken, allen voran in der Eurozone, ab. Unerwartete Aktionen können durchaus ungewollte Reaktionen der Marktteilnehmer auslösen. In diesem Zusammenhang sagt Stadlberger von der Oberbank: ,,Sollte die EZB das Anleihekaufprogramm schneller als erwartet zu einem Ende bringen, werden die Renditen über die gesamte Zinskurve wohl deutlicher als befürchtet zu steigen beginnen." Dabei gilt: Je länger die Laufzeit ist, desto größer fallen die Renditeanstiege dann aus, da Anleihen mit langen Laufzeiten besonders stark an Wert verlieren. Ebenso könne laut Stadlberger ein unerwartet sprunghafter Anstieg der Konjunkturentwicklung zu stärker steigenden Renditen führen.
Womit sich der Kreis zu einer aktiven Vermögensverwaltung wieder schließt. Schließlich sollte man einer unsicheren Zukunft am besten mit einem Portfolio begegnen, ,,das nicht alles auf eine Karte setzt", betont Höllinger. Denn, wie die Kathrein-Chefin meint, sei Diversifikation der Risiken eben der beste Schutz vor Marktrückschlägen, aber auch vor einem realen Wertverlust.

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Die niedrige Zinslandschaft und drohende Kursverluste bei den Anleihen stellen das Rentenmanagement der Privatbanken gehörig auf die Probe, zumal ein Großteil der Kunden vor allem konservativ veranlagt ist. Neue Konzepte und innovative Ansätze sind deshalb bei der Verwaltung von Anleiheportfolios gefragt. Sie finden die Privatbanker in einer geschickten Diversifikation über Regionen und Emittenten, aber auch einem sorgfältigen Laufzeitenmanagement.