Tipps der Extraklasse

GELD-Magazin - November 2018

Wie agieren Privatbanken in der gegenwärtig angespannten Situation an den Finanzmärkten? Das GELD-Magazin hat bei den Anlageprofis nachgefragt. Führende Institute sind nach wie vor optimistisch eingestellt, gewarnt wird aber vor politischen Turbulenzen. Zur Asset Allocation: Europäische Aktien könnten gegenüber US-Titeln aufholen.
Die Situation an den Finanzmärkten ist unübersichtlich: So stürmten die US-Börsen in den vergangenen Jahren von einem Hoch zum nächsten, kann dieses Spiel ,,unendlich" prolongiert werden? Auch mehren sich die Stimmen, die vor einem Aktien-Crash und einem Rückfall in die Rezession warnen. Wie realistisch sind solche Szenarien und wie sollen sich Anleger jetzt verhalten?

Keine Rezession ante portas

Manfred Huber, Vorstandsvorsitzender der Euram Bank, meint dazu: ,,Anfang Oktober hat der IWF seine Prognose für das Weltwirtschaftswachstum für die Jahre 2018 und 2019 um 0,2 auf 3,7 Prozent gesenkt. Ein Grund dafür waren die derzeit sehr plakativ ausgetragenen Handelskonflikte und angedrohte protektionistische Maßnahmen. Betrachtet man allerdings die realwirtschaftliche Gegenwart mit immer wieder positiv überraschenden Quartalsergebnissen der Unternehmen, dann ist gegenwärtig kaum ein Grund für eine Rezession gegeben. Wenn allerdings die politische Unwägbarkeit weiterhin zunimmt, ist dies neu zu bewerten." Basis für die erwähnte Hausse an den US-Märkten war laut dem Euram-Experten sowohl das makro-, als auch mikroökonomische Umfeld, das historisch niedrige Zinsniveau war wiederum der Katalysator für die sehr positive wirtschaftliche Entwicklung: ,,Die Unternehmen erledigten ihre Hausaufgaben zum Großteil sehr gut und konnten in den letzten Jahren erfreuliche Wachstums- und Ertragszahlen liefern. Der Erfolg von heute ist die Bürde von morgen. Es ist also davon auszugehen, dass diese Gewinndynamik so nicht weitergehen kann. Dementsprechend aufmerksam beobachten wir den US-amerikanischen Aktienmarkt und werden in den kommenden Monaten unsere Exposure tendenziell reduzieren", so Huber. Wie sieht es nun mit Europa als Alternative aus? Dazu meint Huber: ,,Europäische Aktien sind aktuell ,out of favour', der Dieselskandal zieht die europäische Autoindustrie - speziell deutsche Autobauer und Zulieferer - nach unten. Der Brexit samt Unsicherheit lastet auf dem Kontinent und Italiens Regierung hält sich sehr genau an das Handbuch ,Wie vergraule ich mögliche Investoren'. Europäische Werte weisen eindeutig eine niedrigere Gesamtkapitalrendite als US-Aktien aus. Hier sehen wir durchaus Aufholbedarf, zumal gerade in Europa das Zinsumfeld nach wie vor für eine Investition in Aktien spricht und eine positive Börsenentwicklung zulässt. Da das Maß an politischer Unsicherheit stark zugenommen hat, ist ein langfristiger Ausblick auf den Aktienmarkt jedoch nahezu unmöglich." Wie schätzen andere Experten die Gesamtsituation ein?
Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank, meint: ,,Wir sehen keine Gefahr für einen Finanzcrash wie 2008. Dabei handelte es sich um ein Marktversagen auf mehreren Ebenen, die zu einer Systemkrise führten. Rezessionen sind natürlich immer möglich und normale Ereignisse an den Finanzmärkten. Aktuell ist die Rezessionswahrscheinlichkeit nach einigen von uns beobachteten Indikatoren tatsächlich deutlich angestiegen. Dabei geht die Sorge von den USA aus. Der Handelskonflikt wie auch die heiß laufende Konjunktur verunsichern die Investoren. Zusätzlich belasten die steigenden Zinsen in den USA." Auch Höllinger wirft einen Blick auf wichtige Anlageregionen: ,,In Europa war die Aktienmarktentwicklung, anders als in den USA, mangels führender IT-Konzerne - Stichwort ,,FAANG": Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google - eher bescheiden. Zudem profitiert der US-Markt von der Steuerreform und der guten Binnenkonjunktur, während in Europa die Unsicherheiten bezüglich dem Brexit überwiegen und die politische und wirtschaftliche Situation in Italien viele Investoren abschrecken. Außerdem ist der Kontinent sehr von Exportmärkten abhängig, was angesichts des schwelenden Handelskonfliktes ebenfalls für Zurückhaltung sorgt. Längerfristig spricht die vor allem im Vergleich zu den US-Titeln günstige Bewertung für den europäischen Markt." Sind US-Aktien nun gar dramatisch zu hoch eingepreist?

Rückkehr zur Normalität

Das möchte Karl Freidl, Leiter Vermögensmanagement, Bankhaus Krentschker & Co, in dieser Form nicht stehen lassen. ,,Es ist richtig, dass vor allem Technologie-Aktien eine teils enorme Rally hinter sich haben, wo es einer Rückkehr zu einer gewissen Normalität bedarf. Aber gerade unter den Technologiewerten sind auch Unternehmen, die sehr gesunde Bilanzen und ein sehr starkes Gewinnwachstum aufweisen. Nicht zuletzt hat der wohl berühmteste Value Investor dieses Planeten - Warren Buffett - erst im Jahr 2018 seine Beteiligung an Apple noch einmal deutlich aufgestockt." Kurzfristig muss laut Freidl bei Aktien immer mit Schwankungen gerechnet werden: ,,Schwankungen werden in Volatilität ausgedrückt, diese war jetzt lange Zeit sehr tief und ist eigentlich schon heuer im Februar wieder zurückgekehrt und auch jüngst wieder etwas angesprungen - vielleicht hatte man sich auch schon zu sehr an die ruhigen Zeiten gewöhnt." Die schlechten Nachrichtenlage betrifft dem Experten zufolge derzeit eher politische Themen, wie den Handelsstreit, die Schuldensituation in einigen Emerging Markets, den Brexit und die Situation in Italien. Freidl: ,,Selten sind es jedoch Nachrichten zu rückläufigen Unternehmensgewinnen und schlechten Aussichten. Zusammengefasst kann man sagen: künftig stärkere Schwankungen an den Aktienbörsen JA, struktureller Bärenmarkt - eindeutig NEIN."

Abschwächung der Konjunktur

Robert Fischer, Leiter Private Banking RLB NÖ-Wien, sieht die Situation ähnlich: ,,Für einen Finanzcrash, wie auch immer definiert, fehlen die Voraussetzungen. Eine Abschwächung der Wirtschaft, ausgehend von den USA, wo der Wirtschaftszyklus schon sehr lang dauert und die Zinsanhebungen durch die Fed in vollem Gange sind, ist jedoch nur eine Frage der Zeit. Ob diese Abschwächung dann in eine Rezession mündet oder das sogenannte Soft Landing gelingt, bleibt abzuwarten." Wobei der Experte mit ein wenig Skepsis über den Großen Teich blickt: ,,US-Aktien sind überbewertet und die Ertragsaussichten für die nächsten Jahre sind überschaubar. Wenn die erwartete Wirtschaftsabschwächung eintritt, ist ein zwischenzeitlicher Bärenmarkt - das ist ein Verlust vom Höchststand von mehr als 20 Prozent - in den nächsten Jahren durchaus wahrscheinlich." Mittel- und längerfristig sieht der Experte europäische Aktien und Emerging Markets-Aktien positiv, die USA inklusive Technologie betrachtet er eher mit Vorsicht. Fischer erklärt auch die mittel- bis längerfristigen Asset Allocation-Strategie seines Hauses: ,,Wir haben im Verlauf des Jahres hauptsächlich zugekauft, nämlich: US-Staatsanleihen, Euro-Aktien, Emerging Markets-Währungen und italienische Staatsanleihen. Wir waren zu Beginn des Jahres sehr vorsichtig positioniert, weshalb es das Potenzial für Zukäufe gab, ohne im Gegenzug aus anderen Positionen auszusteigen."

Vorsichtig agieren

Wolfgang Ules, Chief Investment Officer der Capital Bank - GRAWE Gruppe (zu der Schelhammer & Schattera gehört), fügt mit Blick auf die bevorstehende Zinswende hinzu: ,,Drei, wahrscheinlich sogar vier Zinserhöhungen und die sukzessive Rückführung des Anleihekaufprogramms bedeuten das Ende der ultralockeren Geldpolitik. Der durch die Steuerreform bewirkte Gewinnsprung der US-Unternehmen beschränkt sich überwiegend auf das Geschäftsjahr 2018. Und letztlich deuten alle Daten darauf hin, dass die US-Konjunktur in diesem Jahr ihren Höhepunkt erreicht. Man muss jetzt daher wieder mehr Vorsicht in den Portfolios walten lassen." Für europäische Aktien sprechen laut dem Experten eindeutig ihre Bewertungskennzahlen: ,,Sie liegen deutlich unter jenen von US-Aktien. Dabei braucht es aber gleichzeitig Fingerspitzengefühl. Das niedrige Wachstum und die politischen Risiken sind eine schwere Last für europäische Aktien. Dazu darf man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist ganz klar, dass skandalgeplagte Autobauer und kriselnde Banken niedrigere Bewertungen als wachstumsstarke Technologieaktien aufweisen. Die Aktientitelselektion darf daher nicht blind den Bewertungskennzahlen folgen. Die Kunst liegt darin, gute Unternehmen zum günstigen Preis zu finden. Und davon gibt es in Europa derzeit einige."

Aktien reduziert

Interessant ist auch die Meinung und Vorgehensweise von Bernhard Ramsauer, Vorstandsvorsitzender der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) Österreich: ,,Wir haben bereits im Dezember 2017 und nochmals kurz vor der Korrektur im Jänner 2018 die Übergewichtung von Aktien deutlich reduziert." Da Weltaktien in den letzten 30 Jahren keine längere Phase von Kursanstiegen ohne zwischenzeitlicher Korrektur von mehr als fünf Prozent erlebt haben als von November 2016 bis Dezember 2017, wurden erste Gewinne trotz eines optimistischen Ausblicks realisiert. Somit wurde das Portfolio weniger korrekturanfällig gemacht. Ramsauer führt aber weiter aus: ,,Angesichts der Tatsache, dass die Bewertung der Aktien aufgrund der positiven wirtschaftlichen Fundamentaldaten und der im Schnitt weiter steigenden Unternehmensgewinne nach wie vor in Ordnung erscheint, sehen wir die kurz- bis mittelfristige Entwicklung der Aktienmärkte aktuell noch positiv. Zumal Anleihen als Alternative weiterhin ein recht unattraktives Renditeniveau aufweisen. Die Tatsache, dass wir die Aktienquote ,nur' neutral positionieren, ist in erster Linie damit zu begründen, dass wir uns wohl langsam, aber sicher dem Ende des positiven Konjunktur-Zyklus annähern." Sollten hier deutlichere Abschwächungstendenzen erkennbar werden, könnte laut Ramsauer die Reaktion an den Märkten recht negativ ausfallen: ,,So setzen wir in unseren Total Return-Mandaten, bei denen der absolute Ertrag sowie der Kapitalerhalt im Vordergrund stehen, auch auf dynamische und kosteneffiziente Absicherungen und halten aufmerksam nach Anzeichen für ein bevorstehendes Ende des Bullenmarktes Ausschau."

Finanztitel interessant

Abschließend wirft auch Jürgen Lukasser, Head Investment Office der LGT Bank Österreich, einen Blick auf die Weltbörsen: ,,In unseren aktuellen Aktienportfolios haben wir Versorger und zyklischen Konsum klar untergewichtet. Diese Aufstellung folgt dem spätzyklischen Konjunkturumfeld. Versorger sind zwar per se mit einer höheren Dividendenpolitik gekennzeichnet, die aber wiederum bei steigenden Zinsen kontraproduktiv wirken. Und zwar, weil die sogenannte Stellvertreterregel zu Anleihen schwindet - soll heißen, dass sich Investoren bei fallenden Zinsen Dividendenaktien statt Anleihen kaufen und vice versa. Zyklische Aktien sind in einer historischen Betrachtung sehr gut gelaufen und teuer bewertet, ein typisches Bild nach einer langen Hausse-Periode. Interessant finden wir in Europa Finanztitel. Diese sollten von den möglichen steigenden Zinsen über die nächsten Quartale profitieren, zudem sind sie seit vielen Jahren in Aktienportfolios unterrepräsentiert, was zusätzlichen Kaufdruck erzeugen könnte." Weitere Einschätzungen der Private Banking-Profis spiegeln sich in den Grafiken auf dieser und den vorhergehenden Seiten wider: Musterportfolios, von denen man sich vielleicht die eine oder andere Anregung mitnehmen kann.