,,Tief drinnen wissen es alle"

Raiffeisen Zeitung - 25. Oktober 2018

Viele Sparer wagen nach wie vor kaum den Sprung vom Sparbuch hin zu Produkten des Kapitalmarkts. Eine Spurensuche in Wien und Graz.
Ein recht spannendes Bild über die Einstellung zur Kapitalveranlagung im Land liefert GfK Austria mit dem ,,Stimmungsbarometer". Für diese repräsentative Umfrage werden jährlich rund 18.000 Personen interviewt.
Immobilien sind in der gewünschten Veranlagung dabei das Maß aller Dinge. 43 Prozent würden sich gerne ein Haus bzw. eine Wohnung kaufen, 40 Prozent ein Grundstück. Mit einem leichten Abstand folgen bereits die Klassiker Bausparen und Onlinesparen. Schlecht schneiden in diesem geäußerten Stimmungsbild jedoch Investmentfonds, Zusatzpensionen und Lebensversicherungen ab. Ein Maßstab für die aktuell abgefragte Stimmungslage ist dabei der Punkt ,,Zuhause sparen" - jeder Fünfte gibt an, dass dies eine ,,interessante Form" der Geldanlage ist. In etwa gleichauf mit dem Sparbuch und deutlich vor Aktien, Lebensversicherung und staatlich geförderter Pensionsvorsorge.

Sicherheit und Verfügbarkeit

Martina Peheim ist stellvertretende Leiterin der Bankstelle Steirerhof am Grazer Jakominiplatz. Es ist eine große Bankstelle am Rande der Altstadt. ,,Ich habe vor allem ein recht junges Publikum, meine Kunden haben das Studium, die Berufsausbildung abgeschlossen oder stehen kurz davor." Die eigene Wohnung, der Hausbau habe höchste Priorität, die Pensionsvorsorge komme da erst später.
,,Tief drinnen wissen alle, mit denen ich spreche, dass die Pension einmal gering ausfallen wird", so Peheim, allerdings sei ,,Langfristigkeit" für viele keine Kategorie. Ein guter Lebensstil in der Gegenwart ist da viel realer und deshalb erstrebenswert. ,,Die Initiative zu einem Gespräch geht fast immer von unserer Seite aus. Leute, die in die Bank kommen und sagen, ich habe ein Geld zu veranlagen, sind in der Minderheit." Die jüngere Generation denkt nach Peheims Erfahrung vor allem kurz- bis mittelfristig. Die Frage nach einer wirklich langfristigen Veranlagung kommt nur sehr selten. Pensionsvorsorge ist dann ein Thema, wenn die großen Herausforderungen abgeschlossen sind. ,,Was soll ich heute wissen, was in 35 Jahren los sein wird", lautet da eine immer wieder geäußerte Verunsicherung. Bei der Beratung sei viel zu tun, denn das Wissen gehe über Sparbuch und Bausparer kaum hinaus. ,,Wichtig ist mir dabei, dass ich im Kundengespräch Konsequenz bei der Vorsorge vermittle." Wenn es dann tatsächlich um eine längerfristige Veranlagung geht, gibt es zwei spannende Aspekte: Rund die Hälfte der Fondsmodelle sind nachhaltig - gut, dass Peheim ÖGUT-zertifizierte Beraterin für nachhaltige Geldanlagen ist.

Bürgerlich und sicher

Herbert Schlögl ist Leiter der Bankstelle Theodor-Körner- Straße. Sie liegt in Geidorf, einem Bezirk der Stadt Graz mit vielen alten Villen. ,,Die Sparleistung bei unseren Klienten ist nach wie vor sehr gut", sagt Schlögl. In der Beratung würde man besonders durch ,,Zuhören und wertschätzende Gespräche punkten. Wir müssen aufpassen, dass wir die Anliegen der Menschen verstehen. Mit Angst kann man keine Geschäfte machen und Kunden lassen sich nicht in eine bestimmte Richtung treiben", ist Schlögl überzeugt. Viele der vermögenden Kunden, 55 Jahre und älter, hätten trotz einer recht guten Entwicklung der vergangenen zehn Jahre am Kapitalmarkt den Crash des Jahres 2008 noch nicht aus dem Kopf bekommen: ,,Das positive Element, der Glaube an die Zukunft, ist nach wie vor nicht mehr zurückgekehrt." Für viele ist der Kapitalmarkt seither negativ besetzt, das Gold und Bargeld zuhause im Tresor jedoch positiv. ,,Die meisten meiner Kunden kommen ohne Druck auf etwas sparen zu müssen zu einem Veranlagungsgespräch", sagt Schlögl. ,,Es geht um Sicherheit des eingebrachten Kapitals, mit dem Wunsch nach guten Renditen. Der Mensch hat nicht aufgehört danach zu suchen."

Alter spielt keine Rolle

Das Alter spielt laut Schlögls Erfahrung in der Veranlagung nur eine untergeordnete Rolle. Manche haben das mit 60 Jahren abgeschlossen, manche sind mit über 80 Jahren noch sehr aktiv. Es geht um die Einstellung und um die Lebenshaltung der Menschen. Wer immer damit zu tun hatte, hört auch mit 80 Jahren nicht auf. ,,Das persönliche Gespräch ist das Wichtigste", ist Herbert Schlögl überzeugt, ,,denn mit einem Chatbot kann man nicht reden. Miteinander reden führt zum Erfolg." Noch eine Spur anders stellt sich die Situation bei der Kathrein Privatbank dar. Kunden sind hier mit einem Stiftungs- und unternehmerischen Privatvermögen ab einer Million Euro willkommen. ,,Wir managen die Anlageprodukte selber und kombinieren gleichzeitig eine offene Produktarchitektur", sagt Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank. ,,Es zählt das Gesamtvermögen, nicht nur die liquiden Mittel, denn in den vergangenen Jahren gab es starke Verschiebungen zu realen Werten. Unsere Devise lautet: Vermögen sorgsam vermehren."
Anlagen mit Nachhaltigkeitsstrategien nehmen bei Kathrein eine immer bedeutendere Stellung im Veranlagungsprozess ein. So wollen viele Kunden mit ihrem Investment auch einen Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften leisten. ,,Es zeigt sich auch, dass nachhaltige Investments keine Performance-Einbußen zu konventionellen Ansätzen hinnehmen müssen", betont Höllinger. ,,Sie verhalten sich auch in turbulenten Marktphasen oft deutlich weniger volatil."