RÜSTEN FÜR DIE RAUE SEE

Der Börsianer / Ausgabe Nr. 28, 4. Quartal 2018

Noch treiben die Bullen eine historisch lange Markthausse munter voran. Mit der Zinswende werden die Turbulenzen aber zunehmen. Und darauf sollten sich Anleger rechtzeitig einstellen.
Jetzt ist es geschafft: In den USA hat allein der S&P 500 am 22. August 2018 die längste Rallye in der Geschichte eingeläutet. Gemeint ist ein Markt, auf dem es keine Korrekturen von mehr als zwanzig Prozent gegeben hat. Das lässt sich mit handfesten Zahlen verdeutlichen. Im März 2009, am Tiefpunkt der Finanzkrise, sank der S&P 500 auf 677 Punkte. Zuletzt wurde die Marke von 2.900 Punkte überschritten, macht ein Plus von mehr als 300 Prozent, freilich mit zwischenzeitlichen Turbulenzen. Womit die Bullen seit fast einem Jahrzehnt auf dem US-Börsenparkett munter trampeln. Und nicht nur dort: Zuletzt erlebte der MSCI-Weltindex vor sieben Jahren eine Korrektur von mehr als 20 Prozent, zeigt Florian Mayer, Portfoliomanager bei der Kathrein Capital Management, auf.
Dabei ist der Herdentrieb verlockend: ,,Seit dem Ende der Finanzkrise von 2008 war es schlicht eine Zeit der Aktien und der Anleihen", konstatiert Karl Freidl , Leiter des Vermögensmanagements beim Bankhaus Krentschker & Co. AG. Während man in den vergangenen Jahren mit einem breiten Aktieninvestment schöne Zuwächse erzielte, verlor etwa der breite Rohstoffindex mehr als 20 Prozent. Sogar konservative Anleiheinvestments schnitten besser ab, betont der Krentschker-Experte.

Einseitige Investments

Verständlich, dass breitgestreute Multi- Asset-Produkte in den vergangenen Jahren ein wenig in den Hintergrund gerieten. Was mitunter aber auch auf die Kosten bestimmter Anlageklassen zurückzuführen ist, verweist Freidl auf Hedgefonds. Sie seien teilweise teure Anlagen, die in den vergangenen Jahren kaum die erwartete Wertentwicklung brachten. Doch nicht nur die schwache Performance nagt. ,,In den vergangenen Jahren sind Managed-Futures-Strategien auch aufgrund steigender Korrelationen zu den traditionellen Anlageklassen infrage gestellt worden", sagt Kathrein-Experte Mayer. Von steigenden Korrelationen spricht man dann, wenn sich die Kurse etwa von Einzeltitel oder Anlageklassen zunehmend im Gleichklang bewegen. Bei einer negativen Korrelation bewegen sie sich in entgegengesetzte Richtungen. Selbst ein Renteninvestment entpuppt sich als knifflige Aufgabe. Gerade in Europa zwinge die Tiefzinsphase etwa Multi-Asset-Manager innerhalb des Segments in Bereiche, in denen sie noch positive Erträge erwarteten, erklärt Florian Mayer: ,,Das führt zum Kauf von Anleihen mit geringer Bonität, oder mit Fremdwährungsrisiko." Und das hat seine Tücken. Denn Hochzinsanleihen und Renten aus den Schwellenländern weisen höhere Korrelationen zu den Aktienmärkten auf. Damit steigt das Risiko.

Zinswende setzt ein

Zu allem Überfluss beginnt eine neue Ära auf den Finanzmärkten. Die 30-jährige Phase sinkender Zinsen naht dem Ende, wobei die Wende in unterschiedlichem Tempo einsetzt. ,,Die Geldpolitik in den USA, Europa und Japan divergiert wie auch die wirtschaftlichen Wachstums- und Inflationsraten", meint Anthony Lawler von GAM Systematic. Und das treibe die Preisstreuung unter verschiedenen Anlageklassen an. Die Kurse bewegen sich also nicht mehr alle im Gleichklang.
Konkret möchte die EZB die Anleihekäufe bis Jahresende ganz einstellen. Die erste Anhebung des Leitzinses erwartet man bei Raiffeisen Research im September 2019 auf 0,25 Prozent. In den USA sehen die Raiffeisen-Analysten den Leitzins zu Jahresende bei 2,75 Prozent, im September 2019 bei drei Prozent. Ungewiss bleiben freilich die Auswirkungen, die das Ende der billigen Geldflut auslösen wird. In den USA führten die ersten Zinsanhebungen jedenfalls zu Rücksetzern auf den Rentenmärkten. Auch werden nicht alle Unternehmen die steigenden Zinsen erfolgreich meistern. Stärkere Korrekturen und zunehmende Schwankungen werden vermutlich öfter das Geschehen prägen. Eine Lösung könnten breitgestreute Mischprodukte bieten. Dabei verweist Marktexperte Alexander Jenner von SMN Investment Services auf die großen Anlageklassen, die für viele Multi- Asset-Fonds eine bedeutende Rolle spielen: Bei Staats- und Unternehmensanleihen mit guter Bonität seien die Korrelationen zu den Aktienmärkten sowohl in den USA als auch in Europa im Wesentlichen noch immer negativ. Oder verharrten an der Nulllinie. ,,Eine sinnvolle Diversifizierung ist durchaus möglich", meint Jenner.

Staatsanleihen stabilisieren

Zudem legen in Zeiten scharfer Korrekturen die Kurse von Staatsanleihen oftmals zu, weshalb sie trotz der mickrigen Verzinsung gern beigemischt werden. Wird die Korrektur jedoch etwa von Ängsten vor stark steigenden Zinsen ausgelöst, ,,haben auch Staatsanleihen an Wert verloren. Dann wird eine Diversifikation mit herkömmlichen Anlageklassen schwierig", verweist Jenner auf den Abverkauf im vergangenen Februar. Umso wichtiger ist eine erfolgreiche Mischung, die Top-Fondsmanagern durchaus gelingt (siehe Seite 32). Auch sollten Anleger ihrer Risikobereitschaft treu bleiben, selbst wenn eine Anlageklasse besonders gut läuft. Dann sollte man lieber ein wenig Gewinne mitnehmen und nicht womöglich auch noch zukaufen, mahnt Josef Zechner (siehe Seite 34), Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Damit erhöht man das Risiko. Gerade in turbulenten Zeiten kann es dann eine böse Überraschung geben.

% MEINE RENDITE

In den USA hat die Dauer der Aktienhausse bereits historische Ausmaße erreicht, auch in Europa verzeichneten einige Märkte schöne Zuwächse. Allzu sehr sollten sich Anleger aber nicht in trügerischer Sicherheit wiegen. Die Ära des billigen Geldes wird von den weltweiten Notenbanken allmählich beendet - mit ungewissem Ausgang. Umso mehr sollten Investoren allmählich eine breitere Portfoliostreuung in Erwägung ziehen.