Markt-Check: Was Privatbanken erwarten

Profil - Ausgabe 43/ 2017
Geldportfolio - 23. Oktober 2017

Zinsniveau, Digitalisierung und rechtliche Vorgaben wirken sich auf Österreichs Privatbanken aus. In unserem Rundruf unter den Privatbanken fragen wir nach, wie die Anbieter exklusiver Vermögensverwaltung darauf reagieren.

Frage 1: Welche Auswirkungen haben neue gesetzliche Vorschriften - unter anderem zum Berichtswesen - für Ihr Unternehmen?

Frank Lippitt, Bank Gutmann: ,,Neue Regelungen wie MiFID II und MiFIR stellen die Finanzindustrie vor große Herausforderungen. Manche behaupten sogar, dass es sich dabei um IT-Projekte handelt, aufgrund des Aufwands der systemtechnischen Adaptierungen zur Erfüllung aller regulatorischen Anforderungen im Hinblick auf das Berichtswesen."

Franz Witt-Dörring, Schoellerbank: ,,Ab Jänner 2018 tritt die neue Finanzmarktrichtlinie MiFID II in Kraft. Für Bankkunden bringt das noch umfangreichere Beratungsund Dokumentationsstandards mit sich, wie sie für unsere Kunden jedoch ohnehin selbstverständlich sind. Unsere Kunden profitieren von unserem erprobten Beratungstool zur Unterstützung einer kundenorientierten, umfassenden Vermögensberatung. Lediglich die Intervalle der Berichte an Kunden takten wir in Zukunft noch kürzer. Darüber hinaus ist für uns klar: Ein Produkt, das der Kunde nicht versteht, gehört nicht in dessen Depot."

Susanne Höllinger, Kathrein Privatbank: ,,Mi- FID II wird die Banklandschaft in Europa grundlegend verändern: Einerseits werden die weiter verschärften Anlegerschutzbestimmungen dazu führen, dass die Qualität der Anlageberatung und damit die Kundenzufriedenheit weiter steigt und Beratungsfehler weiter sinken werden. Andererseits müssen Banken weitere Investitionen in IT-Systeme und Prozessoptimierungen tätigen, was wiederum die Ertragslage weiter unter Druck bringen wird."

Eduard Berger, Wiener Privatbank: ,,In jedem Fall bedeuten sie mehr Aufwand für das Unternehmen, Arbeit für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und natürlich verursachen sie damit höhere Kosten. Wir sind bemüht, dies unsere Kunden nicht spüren zu lassen."

Werner Zenz, Bankhaus Spängler: ,,Neben deutlich strengeren Eigenkapitalvorschriften hat die Bankenregulierung auch zu deutlich höheren Kosten in den Bereichen Compliance, Datenschutz und Geldwäsche geführt. Die 2018 in Kraft tretende Richtlinie MiFID ll droht die Individualität der Beratung, also die Stärke von Privatbanken, einzuschränken. Um die regulatorischen Bestimmungen erfüllen zu können, sind umfangreiche Investitionen im IT-Bereich notwendig."

Frage 2: Große Banken bauen ihren Private-Banking-Bereich aus. Hat das Auswirkungen auf Ihr Geschäft?

Frank Lippitt: ,,Private Banking ist seit Jahren ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit. Unser Fokus ist die individuelle Betreuung und Beratung von vermögenden Privat- sowie von institutionellen Kunden. Aufgrund unserer Spezialisierung und Unabhängigkeit ist ein Vergleich in der Qualität mit Private-Banking-Bereichen großer Banken schwierig."

Franz Witt-Dörring: ,,Unsere Kernkompetenz liegt neben der Anlageberatung und dem Vorsorgemanagement vor allem in der Vermögensverwaltung. Damit sind wir ganz klar als erfahrene Spezialisten für Vermögensanlage und Vorsorge positioniert. Zum Erfolg trägt maßgeblich die hauseigene Fondsgesellschaft bei, deren Fonds für ihre gute Performance ausgezeichnet werden. Wir lassen uns nicht irritieren und bleiben deshalb unserer bewährten Philosophie treu: Investieren statt Spekulieren."

Susanne Höllinger: ,,Wir sehen eher eine drastische Verschlankung und Automatisierung des Private-Banking-Angebots. Auch wird von Großbanken Private Banking oft als Wertpapierverkaufsstelle gesehen. Das Privatbankengeschäft ist jedoch wesentlich umfassender zu sehen. Wir sehen starke Nachfrage nach einer Zweitbank neben der Retailbank, bei der Spezialisten alle Fragen rund um die Strukturierung, Verwaltung, Überwachung von Vermögen übernehmen."

Eduard Berger: ,,Große Banken bauen nicht unbedingt ihren Private-Banking-Bereich aus, sie verlagern vielmehr die Retailbetreuung aus den Filialen in die Private-Banking- Zentren. Ich sehe das durchaus positiv, denn damit wächst das Bewusstsein beim Kunden für eine strukturierte Private- Banking-Beratung. Wenn der Wert dieser Dienstleistung mehr geschätzt wird, hilft das auch uns."

Werner Zenz: ,,Große Banken verfügen aufgrund ihrer breiten Kundenbasis sicherlich über eine gute Ausgangsbasis zum Ausbau ihrer Marktposition. Als Familienunternehmen mit überschaubarer Größe können wir uns jedoch leichter an neue Kundenerfordernisse anpassen als große Geldinstitute. Unsere Basis ist ein unabhängiges Bankhaus, das gleichzeitig Tradition und Modernität verkörpert."

Frage 3: Werterhalt oder sogar -steigerung von Vermögen ist derzeit schwierig - welche Strategie fahren Sie?

Frank Lippitt: ,,Gerade in einem schwierigen Umfeld ist eine dynamische Allokationsmethodik mit einem integrierten Risiko- Management wichtig. Dieser Ansatz hat sich für uns in den letzten 15 Jahren bewährt. Damit kann der Anleger an steigenden Aktien- und Anleihenmärkten bei gleichzeitiger Begrenzung des Verlustrisikos partizipieren. Dies unter der Prämisse höchster Liquidität und Transparenz."

Franz Witt-Dörring: ,,Wir sehen uns mit einem Marktumfeld konfrontiert, aus dem die einfachen Verdienstmöglichkeiten verschwunden sind. Die Finanzwelt ist ein Stück weit aus den Fugen geraten. Wir sehen uns daher in unserem Bestreben, bei der Veranlagung auf Sicherheit und Qualität zu achten, bestätigt. Für uns ist klar, dass die Sehnsucht nach Rendite keinesfalls zu einer Fehlallokation der Finanzanlagen verleiten darf. Langfristig bleibt die Aktie das vielversprechendste Instrument zum Vermögensaufbau - insbesondere asiatische Börsenplätze sind vielversprechend."

Susanne Höllinger: ,,Wir setzen bei unserer Strategie zum Vermögensschutz auf ein breit diversifiziertes Portfolio. Ein Großteil unserer Kunden ist mit einer Vermögensverwaltung, basierend auf Einzeltitel und Investmentfonds und/oder ETFs, bei uns investiert. Im Bondbereich empfehlen wir nicht nur Euro-Staatsanleihen, durchaus auch Anleihen aus Emerging Markets. Staatsanleihen von Entwicklungsländern in lokaler Währung bieten attraktive Renditen und gleichzeitig eine Perspektive bei der Währungsentwicklung, da viele dieser Währungen nach Kaufkraftparität unterbewertet sind."

Eduard Berger: ,,Die einzige Antwort darauf sind aus unserer Sicht Investments in Sachwerte wie Immobilien und Aktien. Wir bieten unseren Kunden Top-Betreuung bei sämtlichen Immobilieninvestments und gleichzeitig die beste Beratung am Aktienmarkt. Für sicherheitsbewusste Anleger bieten wir auch Investmentfonds in Form von Asset-Allokation- Dachfonds oder -Themenfonds."

Werner Zenz: ,,Im Anleihebereich ist der reale Kapitalerhalt nur mit Beimischung von Aktien zu erreichen. Vor diesem Hintergrund sind Kunden dazu aufgefordert, ihren Blick für das Rendite-Risiko-Verhältnis neu zu schärfen. Wir lassen unsere Kunden damit nicht allein, sondern erarbeiten gemeinsam individuelle Lösungen, die sie ihren Zielen bestmöglich näherbringen. Wir sind davon überzeugt, dass ein aktives Risikomanagement sowie eine breit diversifizierte Veranlagungsstruktur auch in Zukunft unerlässlich sein werden."

Frage 4: Steigt vor dem Hintergrund der niedrigen Zinsen die Bedeutung von Private Equity in Österreich?

Frank Lippitt: ,,Private Equity ist unabhängig vom Zinsniveau eine attraktive Anlageklasse. Wichtig: Die Besonderheiten von Private Equity müssen zum Profil des Investors passen. Eine verantwortungsbewusste, nachhaltige Beratung ist entscheidend."

Franz Witt-Dörring: ,,Private Equity ist für die meisten Anleger keine geeignete Anlageform. Für direkte Beteiligungen sind sehr hohe Anlagesummen und spezifische Expertise notwendig. Zudem ist Private Equity eine illiquide Anlageklasse."

Susanne Höllinger: ,,Wir setzten Private Equity im Rahmen der Aktiengewichtung in unseren Asset-Allokation-Fonds seit 2006 ein. Private Equity sehen wir als Subkategorie der Aktien und würden so auch die aktuelle Attraktivität beurteilen. Eingeschränkte Handelbarkeit, geringe Liquidität und lange Behaltefristen lassen den Einsatz nur für bestimmte Investoren zu."

Eduard Berger: ,,Eindeutig ja, obwohl ein derartiges Direktinvestment nicht zu unseren Angeboten gehört und nur professionellen Investoren vorbehalten sein sollte. Wir fokussieren uns eher auf das Aktien- und Immobiliensegment." Werner Zenz: ,,Private Equity steht derzeit vorwiegend institutionellen Investoren und Großanlegern zur Verfügung. Hohe Zugangsbarrieren in Form von Mindestinvestitionen verwehren den meisten Privatanlegern den Zugang zu diesem Investitionsinstrument. Diese Anlageklasse ist ein transaktionsarmes und illiquides Geschäftsfeld, das langen Atem voraussetzt."

Frage 5: Werden persönliche Beratung und menschliche Expertise in absehbarer Zeit nicht an Bedeutung verlieren, auch wenn es um größere Vermögen geht?

Frank Lippitt: ,,Auch wir versuchen natürlich die Digitalisierung bestmöglich im Sinne unserer Kunden zu nutzen. Bei der Vermögensverwaltung geht es aber neben nüchternen Zahlen auch um Emotionen und hier insbesondere um Vertrauen. Daher werden für uns Kompetenz und Individualität weiterhin ein Kernelement guter Beratung bleiben."

Franz Witt-Dörring: ,,Private Banking ist, insbesondere im Umgang mit sehr vermögenden Kunden, in erster Linie eine Vertrauenssache. Wir nehmen uns viel Zeit, um Wünsche und Bedürfnisse genau kennenzulernen und zu verstehen. Gerade in der Phase des Kennenlernens und bei komplexeren Beratungssituationen wird das persönliche Gespräch auch in Zukunft nicht zu ersetzen sein."

Susanne Höllinger: ,,Die Zukunft für vermögende Kunden liegt unserer Meinung nach in einem guten digitalisierten Prozess der Strukturierung, in dem der Kunde selbst via App seine Veranlagung analysieren und Veränderungen simulieren kann, aber dann zur Remote-Beratung greift, um einen Expertencheck zur eigenen Meinung zu bekommen."

Eduard Berger: ,,Wir sind absolute Verfechter des aktiven Portfoliomanagements, und dafür ist persönliche Betreuung unerlässlich. Aktive Manager erkennen frühzeitig Trends, agieren proaktiv und haben kreative Investmentideen. Egal, wie schnell die Digitalisierung beim Investieren auch voranschreitet, persönliche Beratung wird immer eine wesentliche Rolle spielen."

Werner Zenz: ,,Das klassische Private Banking ist bis dato geprägt von persönlicher Beratung und Beziehung. Es ist davon auszugehen, dass Digitalisierung auch im Private Banking weiter zunehmen wird. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass die persönliche Beratung auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Private Banking spielen wird. Vieles ist digitalisierbar, der persönliche Kontakt ist es nicht."