„Hausarzt und Privatbank sind intime Vertraute“

Die Presse - 11. Dezember 2019

Interview. Der neue Kathrein Privatbank-Vorstandschef Wilhelm Celeda über Privatstiftungen, Herausforderungen der Unternehmensnachfolge und die richtige Vermögensweitergabe.
Viele Unternehmen stehen vor einem Nachfolgeproblem. Die Vermögensweitergabe richtig anzugehen, sei nicht nur dabei entscheidend, sagt Wilhelm Celeda, Kathrein Bank.

Oft hört man, Österreichs Familienunternehmen stünden vermehrt vor einem Nachfolgeproblem. Lässt sich das in Ihrer Praxis bestätigen?

Wilhelm Celeda: Bei vielen Familienunternehmen ist die Zeit der Nachfolge inzwischen gekommen, weil die Nachkriegsgeneration bereits 70 Jahre alt und älter ist. Bei manchen Unternehmen ist die nächste Generation längst eingebunden, bei anderen wiederum stellt sich die Frage, wer und ob das Unternehmen überhaupt im Besitz der Familie bleiben kann und soll. Spürbar ist es auch, dass sich zunehmend Investoren für Familienunternehmen interessieren, deren Nachfolge nicht klar ist, weil beispielsweise keine nächste Generation besteht. Gerade wenn ein Eigentümer Anteile oder gar das ganze Unternehmen veräußern will, braucht es Spezialisten, die unterstützen – seien es Rechtsanwälte, Steuerberater oder Vermögensmanager, wie wir einer sind. Oft wollen Eigentümer selbst bei einem Verkauf die Sicherheit, dass das Unternehmen erhalten bleibt. Preis ist dabei dann oft nicht mehr vordergründig: Das letzte Hemd hat keine Taschen, und ob jemand ohne Nachfolger 20 oder 25 Millionen Euro für seinen Lebensabend bekommt, ist oft nicht mehr entscheidend. Zumal gerade Familienunternehmen oft lokal sehr stark verankert sind und eine große Verantwortung wahrnehmen.

Welchen Stellenwert hat die Nachfolgethematik in Ihrer Praxis? Auf welche Aspekte muss man in der Beratung besonders achten?

Die Nachfolgethematik ist in der Praxis sehr wichtig – und die Beratung muss mit Augenmaß erfolgen. Denn eine umfassende Beratung setzt sehr persönliche Kenntnisse über den Kunden voraus. Dafür braucht es Vertrauen, es ist der zentrale Wert für uns als Privatbank. Hausarzt und Privatbank sind intime Vertraute, sie begleiten oft ein Leben lang. Und gerade, weil unsere Beziehungen lange und oft über Generationen halten, kennen wir Interessen, Haltung und Bedürfnisse, können dadurch individuell und objektiv beraten. So kann man auch die Fragen stellen, was vom Kunden bleiben soll? Geht es um den Vermögenserhalt oder die Erhaltung eines Lebenswerks? Kinder, vor allem mehrere, erhöhen die Komplexität der Fragestellungen. Auf jeden Fall ist man gut beraten, sich möglichst früh darauf vorzubereiten. Der Prozess ist einem Ehevertrag ähnlich: Regeln sollte man treffen, solange man sich in die Augen schauen kann. Im Streit oder gar im Todesfall ist vieles zu spät.

Oft heißt es, dass Österreichs „Familiensilber“ ins Ausland verkauft wird, weil Unternehmen aufgrund der fehlenden Nachfolge an internationale Investoren gehen. Stimmt diese Annahme?

Es ist mehr eine Angst als Realität. Ja, es gibt den einen oder anderen großen Deal, aber im mittleren Bereich, bei Unternehmen mit weniger als 100 Millionen Euro Jahresumsatz, sehen wir kaum Exits ins Ausland. Dass man bei einem großen Unternehmen mehr rausholen will, ist klar – bei einer Aktiengesellschaft, die an der Börse notiert, ist es sogar Pflicht, den Shareholder Value zu steigern. Doch im Mittelstand ist Nachhaltigkeit im Sinne von unternehmerischem Denken in Verbindung mit gesellschaftlicher Verantwortung besonders wichtig. Dort ist der strategische Partner immer willkommener als jemand, der kurzfristige Optimierungen vornehmen will.

Wie bewertet man ein Unternehmen? Zumal der „emotionale Wert“ gerade im Mittelstand und bei Familienunternehmen höher sein kann als der reale?

Es gibt klar definierte Bewertungsmethoden, die überall bei M&A eingesetzt werden – auch bei Familienunternehmen. Ausnahmen bestätigen die Regel – beispielsweise bei Start-ups, die am Anfang stehen und bei denen nur Umsatz und kaum ein Gewinn da ist. Dort muss man dann abhängig von den Geschäftsplänen für die Zukunft den Wert des Unternehmens ermitteln. Unbestritten ist das etwas spekulativer.

Welche Rolle spielt in den Beratungsgesprächen die Privatbank?

Unsere Rolle ist es, eine neutrale Position einzunehmen, alle am Vermögen Beteiligten an einem Tisch zu versammeln und vermittelnd zu agieren. Denn nur wenn man auch sensible und höchstpersönliche Themen möglichst neutral anspricht, wird der Input auch als wertvoll erachtet. Auch hier sieht man, dass Vermögensmanagement mehr als nur die reine Vermögensberatung bedeutet. Keine Situation ist wie die andere, jeder Fall ist vollkommen individuell. Und gerade weil wir unsere Kunden so lange begleiten, ist es eine Frage des Vertrauens, einander offen zu beraten. Sind externe Experten notwendig – etwa, um Fragen des Gesellschaftsrechts oder des Steuerrechts abzudecken – ziehen wir diese hinzu. Kathrein arbeitet mit einem anerkannten Expertennetzwerk zusammen.

Viele setzen in der Vermögensberatung auf Musterportfolios und Computerunterstützung, wie stehen Sie dazu?

Solche sogenannten Robo-Advisors haben bei kleineren Vermögensberatungen durchaus Berechtigungen. In der Praxis wird aber vom Kunden selten danach veranlagt – und mit unternehmerischer Beratung haben solche Lösungen ohnehin wenig zu tun. Auch in der Veranlagung, wenn es über diskretionäre Anlagen hinausgeht und spezielle Investmentthemen wie Kunst, Private Equity, Rohstoffe oder Immobilien schlagend werden, können diese Ansprüche nicht abgedeckt werden: Da braucht es immer die individuelle Beratung. Die Fuchsbriefe haben unserem Haus gerade erst die beste Portfolioqualität aller Privatbanken bescheinigt.

Wie wichtig ist das Thema Steuern bei Erben und Nachfolgeregelungen? Es geht doch meistens um große Vermögen - worauf gilt es, besonders zu achten?

Die Situation in Österreich ist im Vergleich zu anderen Ländern – zum Beispiel Deutschland – aufgrund der unterschiedlichen Steuerregelung etwas einfacher, aber natürlich spielen Steuerfragen, gerade auch bei der Vererbung von Immobilien eine wichtige Rolle. Die Zeiten, in denen man von „steueroptimierten Konstruktionen“ gesprochen hat, sind aber definitiv vorbei. Bei der Planung des Vermögensübergangs sind andere Themen primär.

Gibt es eine Art „Checkliste“ für Nachfolgethemen oder ist jeder Fall so individuell, dass so etwas nicht möglich ist?

Überall dort, wo Änderungen in der Unternehmensstruktur oder bei Eigentümerverhältnissen absehbar sind, sollte es im Vorfeld schon die entsprechenden Lösungen geben; am besten bereits vertraglich oder testamentarisch geregelt. Und auch hier gibt es viele Möglichkeiten, von der GmbH bis zur Privatstiftung. Wobei nicht automatisch die Stiftungslösung vorzuziehen ist. Unbestritten ist aber eine Privatstiftung auch heute noch eine interessante Möglichkeit.

Eine Stiftung ist doch mehr ein Auslaufmodell?

In Österreich gibt es rund 3000 Stiftungen und wir bei der Kathrein Bank betreuen eine Vielzahl davon. Man könnte sagen: Stiftungen sind seit 30 Jahren unser Steckenpferd, denn von der Grundidee her macht diese Rechtsform sehr viel Sinn. Doch der große Boom bei den Neugründungen ist vorbei, da steuerliche Vorteile im Lauf der Jahre weniger geworden und die Stiftungseingangssteuer inzwischen wohl sogar eher ein Nachteil ist. Doch wenn das Vermögen der Unternehmen zusammengehalten werden soll, gibt es kaum eine stärkere Alternative als eine Stiftung.

Hat man eine Lösung gefunden, hält diese in der Praxis?

Im Normalfall ja. Gerade im Stiftungsbereich gibt es sehr wenig Spielraum und ein hohes Maß an Stabilität – dort wünschen die Stifter ja genau das, dass die Zukunft nach ihren Vorstellungen verläuft. Der Vorteil einer unternehmerischen Lösung ist, dass sich im Nachhinein vieles ändern, aber eben auch vieles trennen lässt.