Die Mächte und Märkte von morgen

Private Banking - Wirtschaftsmagazin
Die Presse - Mai 2018

Das fulminante Wachstum in den Schwellenländern beflügelt längst auch die Börsen in den Regionen. Potenzial ist reichlich vorhanden, sind sich die heimischen Privatbanker sicher. Auch wenn es in der Vermögensverwaltung unterschiedlich genutzt wird.
Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen seit der Zeit, als zahlreiche Krisen die Schwellenländer - und damit auch die Börsen - gehörig aufwirbelten. So löste etwa die Asienkrise im Jahr 1997 fast nahtlos Mexikos Tequila-Krise ab, gefolgt von der Argentinienkrise. Es war aber auch eine Zeit, in der die Grundsteine für die fulminante Aufholjagd in den Emerging Markets gelegt wurden.
Doch was zeichnet die Emerging Markets eigentlich aus? Der Begriff umfasst Länder, die auf dem langfristigen Weg zu den Standards der entwickelten Volkswirtschaften sind, wie Thomas Schaufler, Privatkundenvorstand und Private-Banking-Chef bei der Erste Bank erklärt: ,,Und das betrifft volkswirtschaftliche Zahlen wie das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, aber auch die Rechtsstaatlichkeit, Korruption sowie die Entwicklung des Kapitalmarktes."
Regional umfasst die Welt der Emerging Markets ein breit gespanntes Netz. Ganze 150 Länder sind inkludiert, wie der Internationale Währungsfonds festhält. ,,Richtig los ging es mit den asiatischen Tigerstaaten Mitte der 1990er-Jahre", erinnert sich Robert Löw, Vorstandsvorsitzender der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) Österreich, an die Anfänge zurück. ,,Nach dem Platzen der IT-Bubble zu Beginn des neuen Jahrtausends startete vor allem China richtig durch." Seither hat sich der Aufwind immer weiter in den verschiedenen Regionen rund um den Globus ausgebreitet.

Das lässt auch schon ein wenig das Problem bei der Gesamtbetrachtung erahnen: Das Wirtschaftswachstum in den aufstrebenden Volkswirtschaften hat sich im vergangenen Jahr gegenüber 2016 zwar um 0,4 Prozentpunkte auf 4,8 Prozent beschleunigt. ,,Hinsichtlich der Wachstumstreiber hat es jedoch bemerkenswerte Unterschiede gegeben", betont Löw. In China und anderen asiatischen Volkswirtschaften war es die Erholung des Exportsektors sowie die dynamische Konsumnachfrage, die das Wirtschaftswachstum unterstützen. In den rohstoffproduzierenden Ländern war hingegen die anziehende Investitionsnachfrage der Wachstumstreiber. ,,Sie hat in Brasilien und Russland dazu beigetragen, dass die Rezession überwunden werden konnte", verweist der LLB-Experte auf die positive Entwicklung. In Venezuela spitzt sich indessen die Krise dramatisch zu, eine Staatspleite wird von Beobachtern nicht ausgeschlossen.

Optimistische Aussichten

Doch trotz der teils sehr unterschiedlichen Entwicklungen in einigen Regionen dürfte die Konjunktur in den Emerging Markets auch heuer zulegen. ,,Das Umfeld ist weiterhin positiv. Wir schätzen, dass das Wachstum der Schwellenländer jenes der Industrienationen heuer um rund 1,3 Prozentpunkte übertrifft", hält Wolfgang Eisl, Niederlassungsleiter der UBS in Österreich, fest. Mit der optimistischen Einschätzung steht der langjährige Privatbanker nicht alleine da. Bei der Kathrein Privatbank ist man überzeugt, dass die Entwicklung der Schwellenländer dynamischer als jene der entwickelten Märkte sei. ,,Sie kann sich aber von Letzteren nicht abkoppeln", hält Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank, fest. Deshalb werde der weitere Konjunkturverlauf in Europa und den USA auch für die Emerging Markets bestimmend sein.
Dabei werde Asien der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft bleiben, meint Löw von der LLB Österreich. Das Wachstum in Ostmitteleuropa dürfte sich nach dem hervorragenden Jahr 2017 auf rund vier Prozent abschwächen, während Brasilien und Russland die Nachzügler unter den großen Schwellenländern bleiben dürften.

Gewinne haben Potenzial

Auch an den Börsen dürfte es reichlich Luft nach oben geben. Derzeit liegen die Gewinne der Unternehmen aus den Schwellenländern um fast 20 Prozent unter dem Rekordstand vom Juni 2011. Der positive Gewinntrend sollte dabei auch heuer den Analystenschätzungen zufolge anhalten, streicht Höllinger hervor. Unterstützung dürften die höheren Rohstoffpreise sowie das kräftige Wachstum in den USA bringen. Zudem haben viele Schwellenländer in den vergangenen Jahren ihre finanzielle Abhängigkeit vom Dollar reduziert. Und das ist in Zeiten steigender US-Zinsen ein wichtiger Umstand, da dadurch die Dollarschulden teurer werden.
Verständlich, dass die Schwellenländer im Geschäft mit den gehobenen Kunden eine zunehmende Rolle spielen, wenngleich in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Viele österreichische Kunden hielten nämlich nur eine geringe Allokation in Schwellenländern, moniert Eisl von der UBS, ,,oder sogar keine". Für den Veranlagungsexperten eine weniger erfreuliche Entwicklung. Längerfristig könne die Lücke schließlich zu erheblichen Unterschieden in der realisierten Rendite führen.
Dabei haben sich Emerging Market Investments aufgrund ihrer Rendite-Risiko-Eigenschaften in den vergangenen Jahren durchaus zu einer sinnvollen und attraktiven Beimischung im Depot entwickelt. Davon ist Alexander Eberan, Vorstandsmitglied im Bankhaus Krentschker, überzeugt, und meint: ,,Eine Investition in Schwellenländer lohnt sich nicht nur aus ökonomischen Gesichtspunkten, etwa einem höheren Wirtschaftswachstum bei niedrigen Bewertungen, sondern auch aus demografischen Gründen." Während in den entwickelten Regionen wie zum Beispiel in Europa oder in Japan das Problem der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung bestehe, treffe in den Schwellenländern zunehmend eine junge, dynamische und vor allem konsumfreudige Mittelschicht in den Vordergrund, ,,die sich nach den materiellen Annehmlichkeiten des Westens sehnt", erklärt Eberan.

Technologie im Vordergrund

Ein langfristiger Trend, der nicht ohne Folgen an den Schwellenländerbörsen blieb. Schließlich kam es in den vergangenen Jahren in den Emerging Markets zu einer starken Neuausrichtung der Wirtschaftssektoren. ,,Machte vor zehn Jahren die Gewichtung von Energie- und Rohstofftiteln in einem Emerging- Markets-Index noch annähernd 40 Prozent aus, sind es aktuell nur mehr knapp 15 Prozent", zeigt Christian Nemeth, Vorstandsmitglied der Zürcher Kantonalbank Österreich AG (ZKB Oe) auf. Die Bedeutung von Konsumunternehmen und besonders Unternehmen der IT-Branche nehme hingegen stetig zu, ,,sie haben mit 28 Prozent den höchsten Anteil", sagt Nemeth. Womit noch die Frage bleibt, wie die Experten konkret vorgehen, beispielsweise in einem ausgewogenen Musterportfolio. Diese Variante wird bei vielen Privatbanken häufig von Anlegern gewählt und setzt als Ausgangsbasis meist eine gleichgewichtete Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen voraus. Noch nehmen in diesen Musterportfolios Investments in die Schwellenländer nur einen kleinen Teil ein. Doch selbst darin wird die Notwendigkeit einer breiten Streuung unisono betont. Allein die jüngsten Russlandsanktionen und deren negative Auswirkungen an der Börse in Moskau hätten das eindrucksvoll bestätigt.
Bei der ZKB Oe investiert man derzeit jedenfalls sechs Prozent in Aktien aus den Emerging Markets in einer ausgewogenen Vermögensverwaltungsstrategie. Dies sei lediglich eine leichte Übergewichtung ,,vor dem Hintergrund der politischen Unsicherheiten und vor allem des nach wie vor drohenden Handelskriegs zwischen den USA und China", begründet Nemeth die Entscheidung. Das höchste Potenzial sehe man derzeit bei Aktien aus dem asiatischen Raum.

Die Rolle Chinas im Portfolio

Ähnlich der Zugang bei der UBS, wobei hier der Aktienanteil der Schwellenländer aktuell bei fünf Prozent liegt. Dabei würde man vor allem China im Portfolio höher gewichten - auch auf der Anleiheseite im Übrigen. Eigentlich sei das Reich der Mitte sogar größer als die USA, wenn man gemäß den Zahlen des Internationalen Währungsfonds das Bruttoinlandsprodukt um die Differenz der Kaufkraft bereinigte. Allein im ersten Quartal 2018 stabilisierte sich das Wirtschaftswachstum bei 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert.

Getragen wurde das Wachstum in China vom robusten Konsum, während sich die Investitionen verlangsamten. Zugleich kühlte sich der Immobiliensektor ab, die Infrastrukturinvestitionen schrumpften und der Schuldenabbau wurde vorangetrieben. Somit dürfte laut UBS das Wachstum heuer im Gesamtjahr leicht auf 6,6 Prozent sinken. Dabei sei der Anteil chinesischer Wertpapiere deshalb aber vergleichsweise klein, da internationale Anleger viele Instrumente nicht kaufen könnten. Eisl ist allerdings überzeugt: ,,Das wird sich mit der zunehmenden Internationalisierung des Renminbi ändern."
Auch bei der Bank Gutmann sieht man Asien besonders positiv. Dabei gehöre China schon seit 2014 zu den bevorzugten Regionen, betont Matthias Albert, Vorstandsmitglied der Bank Gutmann. ,,Die Region wurde in den vergangenen Jahren sogar schrittweise aufgestockt". Abgedeckt werden die Strategien, wie auch in anderen Häusern, mit Fonds.
,,Von einer Einzeltitelwahl raten wir ab, da die Diversifikation bei den EM-Investments wesentlich ist", mahnt auch Höllinger von der Kathrein Privatbank. Hier greift man beim Aktienteil im Übrigen auf ETFs (Exchange Traded Funds) zu. Bei diesen Produkten handelt es sich um börsengehandelte Indexfonds, bei denen Fondsmanager keine aktiven Investmententscheidungen treffen. Es wird lediglich, spesengünstig, ein Index abgebildet.
Anders auf der Anleiheseite, hier greift man bei der Kathrein Privatbank ebenso auf aktiv verwaltete Fonds zu. Dabei gibt es klare Trends, wie Höllinger aufzeigt. ,,Staatsanleihen in lokaler Währung bieten attraktive Renditen und gleichzeitig eine Perspektive bei der Währungsentwicklung." Viele dieser Währungen seien gemäß ihrer Kaufkraftparität unterbewertet. Und das bietet zugleich die Chance, von einer möglichen Währungsaufwertung zu profitieren. Auch wenn sich der Anleiheteil auf zahlreiche Regionen aufteilt, sind derzeit Russland und Brasilien am stärksten gewichtet.
Bei der Erste Bank sieht man bei den Lokalwährungsanleihen aus den Schwellenländern ebenfalls interessantes Potenzial. Ganze fünf Prozent beträgt derzeit die Gewichtung im ausgewogenen Musterportfolio, ,,und hier ausschließlich in Lokalwährungsanleihen", gibt Privatkundenvorstand Schaufler ein wenig Einblick in die Aufstellung seiner Assetmanager: ,,Aus unserer Sicht sind für Euroanleger Schwellenländeranleihen etwa in Brasilianischen Real, Polnischen Zloty oder Mexikanischen Pesos interessant". Insgesamt liegt aktuell die Rendite für dieses Anlagesegment bei rund 5,5 Prozent. Das kann sich freilich jederzeit ändern. Ebenso klare Vorstellungen hat man bei der Bank Gutmann, hier findet man besonderes Gefallen an den Regionen Asien und Osteuropa. ,,Allerdings verringerten wir Mitte Februar 2018 den Anteil an Schwellenländeranleihen geringfügig auf rund zehn Prozent der Anleihen", blickt Vorstandsmitglied Albert auf die Marktturbulenzen in dem Zeitraum zurück. Und davon konnten sich die Kurse der Schwellenländeranleihen weniger schnell als die Aktienkurse erholen. Stattdessen verharrten sie nahe den Jahrestiefs. Dennoch gibt sich Albert ein wenig zuversichtlich: ,,Das starke globale Wirtschaftswachstum sollte wieder unterstützend wirken."

Unternehmensanleihen locken

Davon dürften auch die Unternehmen in den Schwellenländern profitieren. Tatsächlich werden Firmenbonds aus den Regionen ein wenig beigemischt. So meint etwa Vorstandsmitglied Eberan vom Bankhaus Krentschker: ,,Im Anleihebereich investieren wir in Staats- und Unternehmensanleihen." Regionale Einschränkungen gebe es hier ebenfalls keine, um ,,genauso wie im Aktienbereich einen höheren Grad der Diversifikation zu erreichen", betont Eberan.

Eine Einschränkung hat man sich auf der Bondseite allerdings auferlegt: Innerhalb dieses Segments hat man das Hauptgewicht auf Anleihen, die in Euro oder Dollar emittiert wurden, gelegt. Dabei handelt es sich um sogenannte Hartwährungsanleihen. Denn bei den lokalen Währungen gebe es hohe Schwankungen. Und das sei Eberan zufolge im Rentenbereich keinesfalls erwünscht.
Trotzdem darf man bei all der Euphorie über die langfristige Wachstumsstory potenzielle Gefahren nicht übersehen. Zwischenzeitliches Störfeuer wird es schließlich immer wieder geben. Dazu verweist Löw von der LLB Österreich beispielsweise auf die Kapitalströme. ,,Protektionistische Maßnahmen seitens der US-Regierung würden wahrscheinlich zu Abflüssen führen und die Kurse belasten."
Und das ist nicht alles. Eine weitere Gefahr seien zweifellos die politischen Risiken, wie der LLB-Experte meint, ,,auch wenn sie in der Regel nur einen kurzfristigen Einfluss haben". Selbst wenn diese scheinbar gelöst sind, wie etwa in Südafrika, wo im vergangenen Februar Jacob Zuma als Präsident zurücktrat und der bisherige Stellvertreter Cyril Ramaphosa zum neuen Staatschef gewählt wurde. Noch warten viele Anleger erst einmal die weiteren Entwicklungen ab.

Doch auch der hohe Verschuldungsgrad in China sorgt für Schlagzeilen. ,,Das wohl größte Risiko ist das Platzen einer Kreditblase im Reich der Mitte. Bis dato hat es die chinesische Politik geschafft, neben den gewaltigen strukturellen Veränderungen den Wirtschaftszyklus mit immer neuen Konjunkturpaketen erfolgreich zu steuern", meint Schaufler von der Erste Bank. Dennoch bleibe das Risiko eines disruptiven Endes der Phase des hohen Kreditwachstums bestehen. Wobei Schaufler ein wenig abwiegelt. Seiner Meinung zufolge werde das Commitment der chinesischen Wirtschaftspolitik unterschätzt, ,,mehr auf Qualität als auf Quantität beim Wachstum zu blicken". Ebenso wenig werde auch die Fähigkeit des Staats beachtet, notfalls notleidende Finanzunternehmen zu verstaatlichen. Letztendlich bleibt es wohl ein geschicktes Abwiegen der Chancen und der Risiken - eine Herausforderung, der sich die Privatbankexperten auch beim Thema Schwellenländer seit Jahren sorgfältig stellen.