20.06.2012

Kathrein-Partner Ned Davis: Nur nichts krachen lassen ist die Devise von Joseph Kalish. Der Chefstratege von Ned Davis

"Die EZB könnte helfen, indem sie die Zinsen weiter senkt"


WirtschaftsBlatt: Herr Kalish, die griechische Wahl ist vorbei, das Drama nicht. Haben wir es hier mit einer nicht enden wollenden Tragödie zu tun?

Joseph Kalish: Wenigstens ist die Bedrohung vom Tisch, dass Griechenland die Eurozone verlässt. Die Probleme sind natürlich nach wie vor da: fehlende Steuereinnahmen, keine Ideen, um die Wirtschaft anzukurbeln oder wettbewerbsfähiger zu machen. Dazu kommt, dass die Griechen den Banken ihr Kapital entzogen haben. Kein Wunder, die sehen derzeit ja auch keine Chancen auf Wirtschaftswachstum.


WirtschaftsBlatt: Wohin fließt das Geld?

Joseph Kalish: Erstaunlicherweise bleibt es großteils in der Eurozone. Solange die Einlagen dort wachsen, braucht man sich keine Sorgen zu machen.


WirtschaftsBlatt: Wäre es nicht besser, Griechenland gehen zu lassen?

Joseph Kalish: Das wäre sicher nicht im Sinne Griechenlands, sondern würde dort alles über den Haufen werfen. Die Banken würden kollabieren, auch eine Hyperinflation ist möglich. Brasilien und Argentinien haben das durchgemacht.


WirtschaftsBlatt: Brasilien ist sogar stärker zurückgekommen...

Joseph Kalish: Das hat aber sehr lange gedauert. Außerdem ist Brasilien reich an Rohstoffen, die schöpfen da aus dem Vollen. In Griechenland fehlt diese Balance, die haben nur den Tourismus. Jetzt gilt es einfach, die Sache am Laufen zu halten. Solange die EZB Liquidität zur Verfügung stellt, ist alles in Ordnung. Eine weitere Zinssenkung wäre nicht verkehrt.


WirtschaftsBlatt: Sind Sie ein Fan von Geldspritzen?

Joseph Kalish: Sie verhindern eine Liquiditätskrise und damit den Zusammenbruch des ganzen Systems. Die Staatsschuldenkrise werden wir damit natürlich nicht lösen.


WirtschaftsBlatt: Warum lässt man nicht einfach alles zusammenkrachen und baut alles neu auf?

Joseph Kalish: Die Kosten für die Gesellschaft wären einfach gewaltig. Kapital würde vernichtet werden, das Chaos wäre vorprogrammiert. Die Länder haben in den vergangenen 50, 60 Jahren beschlossen, dass sie diese sozialen Kosten nicht tragen wollen. Wir können nur hoffen, dass Reformen implementiert werden. Wie Europa das mit 17 unterschiedlich wachsenden Wirtschaften und komplett divergierenden Bedürfnissen machen will, ist natürlich fraglich. Spanien bräuchte noch tiefere Zinsen, Deutschland höhere. Mit den selbst auferlegten Sparmaßnahmen wird Europa nicht zum Wohlstand zurückkehren. Die USA sind da bereits auf einem besseren Weg. Wir versuchen, zuerst das Wachstum zu steigern, und damit die Schulden zu reduzieren.


WirtschaftsBlatt: Was stimmt Sie in puncto USA so zuversichtlich?

Joseph Kalish: Einerseits der Immobilienmarkt, der liegt seit sechs bis sieben Jahren unter Wasser. Jetzt gibt es erste Anzeichen, dass sich ein Boden bildet. Es wurde kaum etwas gebaut, aber wir brauchen neue Häuser. Das wird einen positiven Effekt auf die Wirtschaft haben. Die finanzielle Situation der verschuldeten Bevölkerung wird sich bessern, die Kreditportfolios der Banken werden aufatmen. Das alles hat viel Zeit gebraucht. Andererseits ist die Autoindustrie im Aufwind. Heuer werden 14 Millionen Fahrzeuge verkauft werden, 2011 waren es 12,5 Millionen, 2009 nur 9,5 Millionen. Das betrifft alles den Binnenkonsum. Ich will nicht behaupten, dass sich die USA von den Problemen in Europa oder in China abkoppeln können. Aber die US-Exportrate in Prozent des BIP beträgt nur 13 bis 14 Prozent.


WirtschaftsBlatt: Ist das das wahre Problem Europas? Exportgetrieben, aber zu schwach in der Binnenwirtschaft?

Joseph Kalish: Das ist sicher ein gewichtiger Grund. Ich sorge mich ein bisschen um Deutschland. Derzeit sieht alles gesund aus. Falls Griechenland doch noch die Eurozone verlässt, wird der Euro erstarken und somit Exporte verteuern. Bleibt alles so, wie es ist, wird Deutschland die Peripherie finanzieren müssen. Beide Szenarien kosten enorm viel Geld. Ein weiterer Vorteil der USA ist übrigens der Energiesektor, Öl und Gas ist billiger als in Europa. Auch das wird Deutschland belasten.


WirtschaftsBlatt: Heißt das für Investoren: Finger weg von europäischen Aktien?

Joseph Kalish: Das würde ich so nicht unterschreiben. Bei Konzernen, die sich über den Kapitalmarkt finanzieren können und global unterwegs sind, könnte sich das Risiko eines Investments sicher auszahlen. Es sind eher mittlere und kleine Unternehmen, die nur den Heimatmarkt bedienen, die sich Sorgen machen sollten.


WirtschaftsBlatt: In den USA stehen Präsidentenwahlen an. Wenn alles so gut läuft, spricht doch einiges für Barack Obamas Wiederwahl.

Joseph Kalish: Derzeit sieht es eng aus. In der bisherigen Geschichte wurde kein US-Präsident wiedergewählt, der hohe Arbeitslosenzahlen zu verantworten hatte – bis auf Roosevelt in den 1930er- und 40er- Jahren. Die Situation von damals ähnelt der heutigen. Die Chancen für Obama stehen also gar nicht schlecht.


ZUR PERSON: Joseph Kalish, Chefstratege Ned Davies Research

Der gebürtige US-Amerikaner analysiert seit mehr als 30 Jahren Finanz- und Wirtschaftstrends und ist seit 1986 für Ned Davies Research tätig. Seine Spezialgebiete sind Arbeitslosigkeit, Immobilien, Energie, Banken sowie Handel. Joseph Kalish lebt in Florida. Die Kathrein Privatbank in Wien arbeitet seit 1999 mit dem Analysehaus zusammen.