15.12.2011

Zu wenig institutionalisierte Philanthropie

In einer Zeit der Wirtschaftskrise und des Rückzugs staatlicher Stellen aus der Kulturförderung blicken Kulturschaffende zunehmend hoffnungsvoll in Richtung Privatstiftungen. Diese bewahren nicht nur Vermögenswerte von Familien oder Firmen, sondern oft auch humanitäre Werte.


In Österreich existieren über 3000 Privatstiftungen, von denen etwa 200 gemeinnützig sind. Stiftungen fördern laut der Abteilung für Nonprofit-Management an der Wirtschaftsuniversität Wien jährlich Pro- jekte in Höhe von zehn bis 40 Millionen Euro, pro Einwohner also ein bis fünf Euro im Jahr. Zum Ver- gleich: In der Schweiz gibt es etwa 12.000 gemeinnützige Stiftungen, in Deutschland sind von den über 17.000 Stiftungen 95 Prozent gemeinnützig. Dort werden pro Jahr zwischen 15 und 20 Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke ausgeschüttet, pro Kopf 180 bis 230 Euro.


Wenig Spielraum für Gemeinnützigkeit

Der Hauptgrund für diese Besonderheit der heimischen Stiftungslandschaft ist die Rechtslage. "In Österreich sind Stiftungen seinerzeit nicht gegründet worden, um gemeinnützig tätig zu sein, sondern vor allem, um produktives Kapital in Österreich zu halten oder nach Österreich zurückzuholen", sagt Christoph Kraus, Generalsekretär des Verbands österreichischer Privatstiftungen (VÖP). Dies führt dazu, dass – im Unterschied zum extrem stifterfreundlichen Klima in Deutschland und dem liberalen Stiftungsrecht der Schweiz – das österreichische Steuerrecht gemeinnützige Stiftungen keineswegs begünstigt.


Bis 2009 mussten Stiftungen bei Projektförderungen 25 Prozent KESt abliefern. Dies ist zwar 2009 entfallen, aber nur, wenn bestimmte, in einem Katalog angeführte kulturelle Einrichtungen unterstützt werden, darunter etwa das Bundesdenkmalamt, die Bundestheater und viele Forschungsinstitute. Staatsferne Kulturinitiativen und die innovative Kunstszene haben damit deutlich weniger Chancen auf Förderung durch Stiftungen.


Dazu komme die jahrzehntelange Gewohnheit, sich bei Kultur und Bildung auf den Staat zu verlassen, so Reinhard Millner von der Abteilung für Nonprofit-Management der WU Wien. Institutionalisierte Phi- lanthropie von Stiftungen sei in Österreich nur in geringem Ausmaß vorhanden, meint er. Auch würden hierzulande die Besonderheiten der Stiftung als Organisationsform, die unabhängig und langfristig bestimmte gemeinnützige oder gesellschaftliche Zwecke verfolgt, nicht ausreichend berücksichtigt: "Vermutlich ist gerade diese Unabhängigkeit politisch nicht gern gesehen."


Unter den gemeinnützigen Privatstiftungen in Österreich finden sich viele, die das Werk und Andenken an Kulturschaffende pflegen. Im Normalfall verwalten solche Stiftungen den Nachlass, initiieren und fördern aber darüber hinaus keine Projekte. So widmet sich die Ernst-Krenek-Institut-Privatstiftung dem Schaffen des Komponisten Ernst Krenek, die Gottfried-von-Einem-Musik-Privatstiftung fördert die Verbreitung des Werkes ihres Gründers. Ähnliches gilt etwa für die Fritz-Wotruba- oder die Max-Weiler-Privatstiftung, die ARS-Bohemiae-Privatstiftung Rotter oder die Thomas-Bernhard-Privatstiftung. Weitere Stiftungen sind um Kunstsammlungen oder Kulturveranstalter errichtet, wie Sammlung Essl, Leopold-Museum, Wiener Philharmoniker oder Volkstheater.


Soziales, Kultur, Europa

Ein Sonderfall ist die Erste Stiftung, die gezielt verschiedenste Projekte in den Bereichen Soziales, Kultur und Europa fördert. Behandelt werden aktuelle Themen wie Integration, Demografie, finanzielle Inklusion, zeitgenössische Kunst und Kulturtheorie, Journalismus, Migration und Gender. Mit dem Schwerpunkt CEE wird bewusst eine Region unterstützt, in der es oft kein öffentliches Geld für zeit- genössische Kunst gibt. Die Stiftung setzt dabei auf lokale Strukturen wie etwa das Netzwerk Tranzit, hält aber zugleich an der Idee eines gemeinsamen Europas fest: "Es ist uns ein Anliegen, das Ver- ständnis für und das Wissen über eine verschieden gelebte Vergangenheit zu fördern, weil das eine gemeinsame Gegenwart und Zukunft erleichtern kann", erklärt Christine Böhler, Programmdirektorin Kultur.


Zusammen mit fünf weiteren Partnern – Essl Foundation, Humer-Privatstiftung, Schweighofer-Privatstiftung, Katharina-Turnauer- Privatstiftung und Unruhe-Privatstiftung – rief die Erste Stiftung 2010 die Initiative "Sinn stiften" ins Leben, um innovative Projekte im Sozialbereich zu entwickeln. Mindestens zwei pro Jahr werden erarbeitet und umgesetzt. Das könnte Signalwirkung haben und spiegelt den aktuellen Trend wider: In den letzten Jahren ist laut Fachkreisen das Interesse von Stiftungen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, gestiegen. Dabei geraten auch außer- europäische Gebiete in den Blickpunkt, wie die von der Siemens-Stiftung geförderte Andenregion Lateinamerikas sowie Subsahara-Afrika, die in den internationalen Wissenstransfer eingebunden werden sollen.