01.03.2010
"Eine Schuldenkrise ist ja keine Naturkatastrophe"
Standard: Griechenland ist in einer Schuldenkrise. Wie kann die Europäische Union dabei helfen?
Polleit: Es gibt den Artikel 125 über
die Arbeitsweise der Europäischen
Union. Darin ist explizit
festgeschrieben, dass kein Land einen
Bailout (Rettung, Anm.) bekommt.
Aus. Punkt.Wennmandagegen
verstößt, ist das kollektiver
Rechtsbruch des europäischen
Rechts. Das hätte kritische Folgen.
Standard: Könnte Griechenland pleite oder aus dem Euro gehen?
Polleit: Aller Voraussicht nach
können die Griechen ihre Anleihen
ja platzieren, nur zu einem
höheren Zins. Was ist da das Problem?
Das Wichtigste ist, dass
ihre Staatsfinanzen massiv zurückgeführt
werden, nicht nur für
Griechenland, sondern für das gesamte
Euro-Projekt. Dazu bedarf
es nicht mehr und nicht weniger,
als die Ausgaben zu senken, quer
über alle Ressorts um 20 bis 30
Prozent. Das müssen die griechischen
Wähler verstehen, die
Politiker umsetzen und die anderen
in der Schicksalsgemeinschaft
Eurozone einfordern.
Standard: Wird der Euro weiter an Wert verlieren?
Polleit: Wenn so weiterverfahren
wird, ist das wahrscheinlich. Für
den Fortbestand des Euro ist es daher
ganz entscheidend, dass die
Griechen sofort beginnen, ihre
Staatsausgaben massiv zurückzuführen.
Eine Schuldenkrise ist ja
keine Naturkatastrophe, das sind
aufgelaufene Missstände. Gewissermaßen
ist Griechenland symptomatisch
für das, was anderen
Ländern noch bevorsteht. Deswegen
sind auch die großen Länder,
etwa Deutschland, gefordert, die
Staatsausgaben zurückzuführen.
Standard: Aber die Wirtschaften schwenken doch auf einen Wachstumspfad ein. Die Schulden könnten dann zurückgezahlt werden.
Polleit: Die Verbesserung der Konjunkturzahlen
ist ein Strohfeuer.
Das ist durch die weltweite Ausweitung
der Staatsausgaben angeheizt
worden. Wir befinden uns
nicht auf einem nachhaltigen
Wachstumspfad. Wirtschaftswachstum
entsteht meistens
dann, wenn Unternehmer und
Private besonders viel Freiraum
haben, etwas auszuprobieren:
Produkt- und Prozessinnovationen.
Weltweit wird aber eine Politik
eingeleitet, die den Wachstumskräften
die Luft entzieht:
Ausweitung des Staates, höhere
Staatsverschuldung, wachsende
Unsicherheit über die künftige Besteuerung.
Das ist ein negativer Erwartungsschock,
der da über uns
hereinbricht. Das ist natürlich Gift
für Investitionen und unternehmerisches
Handeln.
Standard: Analysten bezeichnen den Dollar/Euro-Kurs schon als "Hässlichkeitswettbewerb".
Polleit: Das gefällt mir, da es sich
bei beiden nicht um gesunde
Währungen, sondern um schwer
angeschlagene Währungen handelt.
Doch in beiden Währungsräumen
herrscht das Papiergeld.
Es gibt aber keinen Grund, warum
der Staat die Hoheit über die Geldproduktion
haben sollte, weder
ökonomisch noch ethisch.
Standard: Was ist die Alternative?
Polleit: Historisch war Geld immer
ein werthaltiges Gut. Die letzten
dreißig, vierzig Jahre waren ein Papiergeldexperiment, hat Milton
Friedman gemeint. Und das führt
zu immer schwereren, brutaleren
Krisen. Die einzige Lösung wäre,
die Geldproduktion zu privatisieren.
Das kann über einen Goldstandard
geschehen.
ZUR PERSON:
Thorsten Polleit (42) ist Chefökonom
bei Barclays Capital. Honorarprofessor
Polleit hielt auf Einladung
von Kathrein & Co. einen
Vortrag zur Geldordnung in Wien.